Interview mit Designerin JETTE JOOP über die Herausforderungen einer Karriere als Unternehmerin, Gemeinsames und Trennendes mit ihrem Vater Wolfgang Joop, ihre Vorlieben beim Shopping sowie ihr ganz persönliches Verhältnis zu Plastikpistolen.

club!: Frau Joop, gehen Sie als Designerin eigentlich gerne shoppen?
Jette Joop: Ich glaube, shoppen ist ein Teil der weiblichen Natur (lacht). Daher gehe ich natürlich sehr gerne einkaufen. Allerdings ist es typisch für Designer, sich mit Entscheidungen eher schwer zu tun. Das trifft auch auf mich zu. Man entwickelt eine Art Betriebsblindheit, da man sich so vieles vorstellen kann.

club!: Und was haben Sie sich zuletzt gekauft?
Joop: Eine graue Mütze mit ein bisschen Glitzer drin. Ich war vor Kurzem mit meiner Assistentin einkaufen und das hat gut geklappt, weil sie weiß, was mir steht. Obwohl ich ja eigentlich die Expertise haben müsste.

club!: Wie ist Ihr persönlicher Stil?
Joop: Ich bin schon sehr fashion-orientiert und liebe modische Accessoires. Meinen Stil könnte man vielleicht sportlich-glamourös nennen. Wenn ich ganz privat bin, habe ich oft eine Jeans und Turnschuhe an. Ansonsten trage ich viel Schwarz, was typisch ist für Designer.

club!: Sie sind in Hamburg aufgewachsen, haben auch später längere Zeit dort gelebt. Was verbinden Sie mit der Stadt?
Joop: Hamburg ist eine sehr elegante Stadt mit einem hohen Anspruch an Qualität und Professionalität. Wenn ich dort bin, habe ich immer das Gefühl, mir weht eine positive steife Brise entgegen. Zum Arbeiten ist die Stadt sensationell.

club!: Und zum Einkaufen?
Joop: Ich gehe sehr gerne in Hamburg einkaufen, weil das Angebot groß ist und es viele hochwertige Geschäfte gibt. Außerdem hat Hamburg eine komprimierte Innenstadt mit kurzen Wegen. Ich shoppe auch gerne in Eppendorf, wo es einige frische, witzige Geschäfte gibt. Zum Beispiel das D’or, das sowohl Second Hand-Sachen als auch Einrichtungsgegenstände und Schmuck anbietet.

club!: Wo sehen Sie die Shopping-Stadt Hamburg im internationalen Vergleich?
Joop: Hamburg ist mit Mailand und anderen Großstädten wie auch London durchaus zu vergleichen. Nicht mit Paris. Dort gibt es sehr viel mehr Angebot, das zudem differenzierter und fantasievoller ist. Hamburg ist sehr edel, sehr wertig, aber nicht wahnsinnig fantasievoll.

club! Kaufen Sie auch online ein?
Joop: Nicht sehr gerne. Ich habe schon schlechte Erfahrungen gemacht. Als Designerin ist es mir wichtig, Dinge anzufassen, die Verarbeitung anzugucken. Mit unserer Marke sind wir in vielen Onlineshops vertreten. Aber es gibt Textilien, die eignen sich dafür nicht gut. Zum Beispiel sehr wertige Kaschmir-Pullover, bei denen es stark auf das ‚Touch-and-feel‘ ankommt, die aber gar nicht so spannend aussehen.

club!: Wie wird sich der Onlinehandel entwickeln?
Joop: Er wird weiter zunehmen. Ich befürchte, dass es irgendwann den nächsten technischen Schritt geben wird, so dass man Dinge auch anfassen kann. Zum Beispiel mit einem virtuellen Handschuh, den es ja schon gibt. Wenn zum bloßen Anschauen das Fühlen oder auch das Riechen hinzukommen, werden sich viele Dinge verändern.

club!: Was kann man tun, um den stationären Handel attraktiv zu gestalten?
Joop: Wir machen die Erfahrung, besonders in Zusammenarbeit mit der Katag (europäischer Fashion-Dienstleister, Anm. d. Red.), dass deren Anschlusshäuser zum Teil große Zuwächse haben. Es handelt sich dabei oft um mittelständische Unternehmen, die seit mehreren Generationen ihren Standort betreiben und für Kunden regelmäßig Erlebnisse schaffen, wie Modenschauen, Autogrammstunden oder kleine Beratungen. Diese emotionalisierten Einkaufserlebnisse binden Kunden.

club!: Sie glauben an das sogenannte „Erlebnis-Shopping“?
Joop: Auf jeden Fall. Hinzu kommt das Vertrauensverhältnis. Wenn die Verkäufer gut beraten und sich der Kunde bestens aufgehoben fühlt – das kann kein Internet ersetzen.

club!: Sie haben 1997 in Hamburg die Firma Jette Joop Europe gegründet. Warum haben Sie den Namen später in JETTE GmbH geändert?
Joop: Mir wurde bewusst, dass ich eine eigene Marke aufbauen muss, die sich von allem anderen abhebt. Da war es plausibel, den Vornamen zu wählen und den Nachnamen in der Firmenbezeichnung aufzugeben.

club!: Hat Ihr Vater Einfluss auf Ihre Arbeit?
Joop: Nein, wir machen beide unsere eigenen Sachen. Aber mit seinem Durchhaltevermögen ist er auf jeden Fall immer ein Vorbild für mich gewesen.

club!: Welche Schwierigkeiten hatten Sie bei der Existenzgründung?
Joop: Ich bin von Natur aus kreativ. Ich habe nicht BWL studiert und hatte das Lizenzgeschäft nicht gelernt. Daher musste ich mir vieles selbst aneignen. Als eine Art Autodidakt geht man einige Dinge pragmatischer an und nicht unbedingt strategisch auf dem Reißbrett.

club!: Was waren die größten Überraschungen?
Joop: Ich hatte mir nicht vorgestellt, wie lange manche Entwicklungen dauern. Auch, wie kompliziert das internationale Markenrecht ist – genauso wie das Thema ‚intellectual property’. Es gab einige namensrechtliche Auseinandersetzungen.

club!: Ihre ersten Schritte als Designerin haben Sie in den USA gemacht und einige Jahre dort gelebt. Warum sind Sie zurückgekommen?
Joop: Der Liebe wegen. Ich habe den Vater meiner Tochter kennengelernt und dieser konnte nicht nach Amerika kommen. Daher habe ich mich entschieden zurückzugehen. Wäre das nicht passiert, wäre ich vielleicht dort geblieben.

club!: Was vermissen Sie aus der Zeit in den USA?
Joop: Manchmal die Leichtigkeit, die vor allem in Kalifornien herrscht, wo ich lange gelebt habe. Die kindliche Begeisterung für alles Mögliche. Diese findet man hier nicht so stark ausgeprägt. Auch der Wille, immer etwas Neues zu versuchen. In Amerika wird Scheitern nicht so hart bestraft und über Erfolg freut man sich.

club!: Wie schwierig war die Umstellung auf deutsche Strukturen?
Joop: Es hat mich damals überrascht, wie sehr die deutsche Gesellschaft noch in patriarchalischen Strukturen verhaftet ist. Dies ist in den Staaten nicht mehr ganz so stark. Das Verhältnis zu Frauen, auch im Business, ist dort ein bisschen anders.

club!: Ist es für Unternehmerinnen hierzulande schwerer?
Joop: Nein, heute nicht mehr. Zu Beginn, also vor mehr als 15 Jahren, war es für mich als junge Frau schwierig, mich als Selbstständige zu etablieren. Inzwischen hat sich viel verändert.

club!: Warum ist Ihre erste Schmuckfirma in den USA gescheitert?
Joop: Es war so, dass ich damals mit zwei russischen Goldschmieden in einem Loft gearbeitet habe und meinen selbst designten Schmuck auch selbst vertrieben habe. Von allen anderen Dingen, die für ein Business notwendig sind, hatte ich keine Ahnung. Da kann man sich vorstellen, dass das eine oder andere nicht so gut geklappt hat.

club! Sie haben Firmen wie airberlin oder kürzlich die Telekom mit Outfits ausgestattet. Was reizt Sie am Thema Corporate Fashion?
Joop: Das Thema ist durch Zufall entstanden und eine Mixtur aus Mode- und Industriedesign. Es ist sehr analytisch, da man auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter eingeht. Das Besondere ist, dass die Outfits saisonunabhängig sind. Am Ende entsteht etwas, das zeitlos und gleichzeitig modisch ist.

club!: Wie wichtig ist das richtige Outfit im Einzelhandel?
Joop: Extrem wichtig. Das richtige Outfit kann Souveränität und Kompetenz vermitteln. Und: Kleider machen Leute. Das stimmt bis zu einem gewissen Grad.

club!: Gibt es weitere Ideen in diesem Bereich?
Joop: Ich würde gerne weitere Projekte im Bereich Corporate Fashion wahrnehmen. Mich interessiert der medizinische Bereich und es würde mich reizen, einmal Outfits für Ärzte zu entwickeln. Ich finde, diese können trotz Funktionalität zugleich auch schick aussehen.

club!: Wie sähe denn das perfekte Ärzte-Outfit aus?
Joop: Ein bisschen retro. Und man würde vielleicht ganz moderne, bakterienabweisende Materialien benutzen.

club!: Gibt es etwas anderes, das Sie gern einmal designen würden?
Joop: Mich interessieren sehr profane Produkte, die bisher etwas stiefkindlich behandelt wurden. Zum Beispiel finde ich, dass Kleiderbügel dringend einmal überholt werden müssten. Ich ärgere mich jedes Mal, wenn der Mantel herunterrutscht oder etwas klappert. Das sind Momente, in denen ich mich frage, warum die Designrevolution ausgerechnet an diesem Objekt vorbeigegangen ist.

club!: Wie kamen Sie zu Beginn Ihrer Karriere darauf, Schmuck zu entwerfen?
Joop: Angefangen habe ich eigentlich als Autodesignerin. Ich habe ja in Kalifornien Industriedesign am Art Center College of Design studiert.

club!: Und warum Autos?
Joop: Ich wollte ursprünglich in dem Bereich der Skulpturen und Kunst studieren. Mein Talent ist eher dreidimensional angelegt. Es fällt mir leicht, mir alle möglichen Objekte in 3D vorzustellen. Ich hätte also auch Bildhauerin werden können.

club!: Aber dazu kam es nicht, weil …
Joop: … ich eine sehr merkantil ausgerichtete und smarte Großmutter hatte, die immer wieder betonte, dass Sachen sich auch verkaufen müssen und man Geld verdienen muss. Meine ganze Familie stammt von Landwirten und Gärtnern ab. Da herrscht ein großes Verständnis für Zykluszeiten und passende Verkaufsmomente. Das – und auch das Preußische in unserer Familie – hat mich sehr geprägt. Autodesign war für mich dann das Nächstliegende zur Skulptur.

club!: Tatsächlich?
Joop: Ja durchaus, weil die Gestaltung der Außenhülle von Automobilen, wenn es sich nicht gerade um eine technische Innovation wie das Elektroauto handelt, ein sehr sinnlicher und emotionaler Designprozess ist. Das hat mich fasziniert.

club!: Und wie führte der Weg von Autos zu Schmuck?
Joop: Ich war in New York und habe die Arbeit von Barry Kieselstein gesehen, der ein großes Faible für Autos hatte und eine Schmuckphase, die sozusagen ein bisschen struktural-automobil war. Ich habe mich dort beworben – und der Weg zum Schmuck war geebnet.

club!: Sie haben zwei Kinder. Wie bekommen Sie Familie und Business unter einen Hut?
Joop: Dank meiner kompetenten Mitarbeiter konnte ich die Reisen auf ein Minimum reduzieren. Ich bin dadurch nicht so viel unterwegs, wie man vielleicht denken würde.

club!: Hat Ihre Tochter etwas von Ihrer Kreativität geerbt?
Joop: Meine Tochter malt und ihre Werke finden jetzt schon eine gewisse Beachtung. Sie ist sehr begabt und ich glaube, dass sie eine große Chance hat, eine richtige Künstlerin zu werden. Das fände ich natürlich sehr schön.

club!: Gibt es etwas, was Sie Ihren Kindern niemals kaufen würden?
Joop: Das ist schwierig. Besonders bei meinem fünfjährigen Sohn bin ich leider manchmal wachsweich. Neulich wollte er unbedingt eine Plastikpistole haben. Dazu habe ich aber Nein gesagt.

 

Interview: Nina Schwarz    Fotos: Ivo von Renner