Corona, Ukrainekrieg, Energiekrise: In turbulenten Zeiten ein Start-up zu gründen, ein Unternehmen zu leiten oder als Führungskraft Tag für Tag neu zu überzeugen, das erfordert Mut. Die gute Nachricht ist: Mut kann man lernen.

Ausgerechnet die Klimakrise brachte die Verfahrensingenieurin Anne Lamp auf eine geniale Idee: Die Entwicklung einer komplett kompostierbaren Kunststo  alternative aus Pflanzenresten im Kampf gegen Plastikbergeund Umweltverschmutzung. Gemeinsam mit der Unternehmensberaterin und Psychologin Johanna Baare gründete sie 2020 Traceless Materials. „Es gehörte enorm viel Mut dazu, ein eigenes Start-up zu gründen“, sagt Lamp. „Man glaubt an eine Idee, die andere noch gar nicht sehen und geht damit dann   nanzielle Verpflichtungen ein, muss Leute einstellen und bezahlen.“

Als Wissenscha tlerin sei sie eigentlich gewohnt, stets analytisch vorzugehen, Optionen gründlich gegeneinander abzuwägen. „Ich war auch in jungen Jahren noch nie die Draufgängerin, die alles aus dem Bauch heraus gemacht und sich viel getraut hat“, erinnert sich Lamp. „Außerdem gab es in meiner beruflichen Ausbildung, im Ingenieurwesen und in der Wissenschaft, generell wenig Spirit in Bezug auf Firmengründungen. Dass ich für mich diese Möglichkeit in Betracht gezogen habe, war gewissermaßen eine Exotenentscheidung“, so Lamp. In ihrem Entschluss bestärkt und inspiriert haben sie neben der Familie und ihrem früheren Chef auch andere Gründer, die mit ihren Firmen bereits Erfolge verzeichneten. „Dazu kamen noch ein sehr starkes Urvertrauen in mich selbst und in das Leben und der Glaube, dass wir der Welt mit unserer Idee einen Mehrwert bieten. Wir waren einfach überzeugt davon, dass alles gut gehen wird.“ Anne Lamp behielt recht: Für ihren Mut und Gründergeist wurden sie und Johanna Baare vom Bundesumweltministeriums (BMUV) mit einer fünf Millionen Euro schweren Förderung belohnt. Das Geld fließt inden Bau einer neuen Produktionsanlage, die Ende 2024 in Hamburg in Betrieb gehen soll.

Aktuelle Studie zeigt: Jüngere Menschen trauen sich eher, ein eigenes Unternehmen zu gründen
Nicht nur das Beispiel Traceless Materials, sondern auch aktuelle Daten des Länderberichts Deutschland 2022/23 des Global Entrepreneurship Monitor (GEM) zeigen, dass die Deutschen trotz wirtscha tlicher Herausforderungen der vergangenen Jahre grundsätzlich motiviert sind, den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen. Im Jahr 2022 stieg die Gründungsquote im Vergleich zum Vorjahr von 6,9 auf 9,1 Prozent. Dabei fällt ein Detail besonders auf: Laut der Studie, machen sich immer mehr jüngere Menschen selbstständig. So lag die Gründungsquote der 18- bis 24-Jährigen bei 15,2 Prozent.

Bedeutet das im Umkehrschluss aber auch, dass die Jüngeren automatisch die Mutigeren unter den Gründern sind? Ja, meint Alexandra Reiter, Berufscoach und Organisationsberaterin in Hamburg: „Erklärt werden kann dies durch das sogenannte Generation-Z-Phänomen. Anders als in den Generationen zuvor ist das Selbstbewusstsein dieser jungen Leute durch ihre Eltern generell sehr gepusht worden.“ Der Background der 18- bis 24-Jährigen laute: Du kannst alles machen, probiere es einfach aus. Außerdem hätten die Jüngeren ihre eigenen Eltern vor allem in den vergangenen Jahren sehr genau beobachtet. „Corona, Burn-Out, das wollen sie nicht“, so Reiter. „Ihre Priorität ist die berufliche Erfüllung. Nicht, wie es bei den vorherigen Generationen immer war, die Sicherheit. Dazu kommt natürlich auch der Fachkräfttemangel. Jüngere Menschen wissen, wenn ich mit meinem Start-up scheitern sollte, dann kann ich mich einfach bei einer Firma anstellen lassen.“

Dabei sei Mut letztlich eine Eigenschaftt, die alle mitbringen sollten, die mit ihrem Business erfolgreich sein wollen, völlig unabhängig vom Alter. „Als Führungskraft muss ich Entscheidungen fällen und dazu brauche ich Mut. Wenn ich als Führungskraft diesen Mut nicht habe, dann blockiert das das ganze Team“, sagt Reiter.

Hinter der App Bejoy stehen drei kluge Köpfe – und deren Mut, sich Unterstützung zu suchen
Dass der Unternehmenswert Mut ein wichtiger Parameter für Erfolg ist, davon ist auch Hanne Butting überzeugt. Gemeinsam mit den beiden Informatikern Dr. Arne Bernin und Sobin Ghose hat sie 2021 die Firma Beyond Emotion in Hamburg gegründet – und sich damit auf eines der am heißesten diskutierten Terrains der Gegenwart gewagt: Künstliche Intelligenz. Auf dieser Technologie basiert ihr innovatives Produkt. „Bejoy ist ein digitaler Bilderrahmen für Seniorinnen und Senioren mit integrierter Stimmungsbenachrichtigung und Aktivitätserkennung“, erklärt Butting. Der Bilderrahmen wird in der Wohnung des Pflegebedürftigen aufgestellt und kann verschiedene Emotionen und Gesichtsausdrücke mittels einer integrierten Kamera erkennen. Per Smartphone-App werden die Angehörigen über den aktuellen Gefühlszustand des Seniors informiert. Außerdem zeigt die App an, wann der Pflegebedürftige zuletzt gesehen wurde und schlägt bei ungewöhnlich langer Abwesenheit Alarm. Zusätzlich können Familienfotos und Urlaubsbilder über die App auf den Bilderrahmen übertragen werden.

Die Idee dahinter: Die Älteren könnten so intensiver am Leben und Alltag der Jüngeren teilhaben. „Wir wünschen uns, dass dadurch ältere Menschen länger zu Hause leben können“, sagt Butting. „Und natürlich ist der Weg in diese Branche, in der auch der Datenschutz ein wichtiges Thema ist, nicht einfach, dessen sind wir uns bewusst. Ein Start-up in diesem Bereich zu gründen, kann man durchaus mutig nennen.“ Mut habe es auch gekostet, ihr anfänglich dreiköpfiges Team zu vergrößern. „Denn es gibt immer wieder Phasen, wo es eine Herausforderung ist, ausreichend Finanzierung zu erhalten“, räumt die Gründerin ein. Dank Förderprogrammen und der Hilfe von Investoren konnte das Team zwischenzeitlich wachsen. Aktuell feilen 16 Mitarbeiter an der Zukunft von Bejoy.

Berufscoach Alexandra Reiter betont, dass es unerlässlich ist, sich als Unternehmer oder Unternehmerin bewusst zu machen, dass es am Ende keine hundertprozentige Sicherheit für Erfolg gibt: „Ich vergleiche das immer gern mit Turmspringern. Am Anfang springen die Sportler in mit Schaumstoff gefüllte Gruben. So können sie ihr Training perfektionieren. Aber irgendwann kommt der Tag, an dem der Schaumstoff durch Wasser ersetzt wird. Dann müssen sie springen. Das ist dann das letzte Quäntchen, für das es dann den Mut braucht.“ Glücklicherweise sei Mut grundsätzlich lernbar, so Reiter. Sogar Menschen, die eher zu den vorsichtigeren Persönlichkeitstypen zählen, könnten mutiger werden. „Wir sprechen hier einfach von einer Verhaltensänderung. Der Punkt ist, dass man seine Komfortzone verlassen muss. Etwas wagen, etwas ausprobieren um dann zu erleben, ich habe es geschafft, es hat geklappt, das macht uns mutiger.“

Der Duden beschreibt das Wort Mut als die Fähigkeit, in einer gefährlichen, riskanten Situation seine Angst zu überwinden und furchtlos angesichts einer Situation zu sein, in der man Angst haben könnte. Dazu kommt die Bereitschaft, auch im Hinblick zu erwartender Nachteile etwas zu tun, was man für richtig hält. Zum Mutigsein gehört also auch immer die Option, scheitern zu können. „Natürlich ist es so, dass uns eine Entscheidung umso schwerer fällt, je höher das Risiko ist“, sagt Alexandra Reiter. „Wenn ich durch meine Entscheidung als Unternehmer zum Beispiel eventuell Millionen von Euros an die Wand fahre, dann gehe ich mit meiner Abwägung natürlich länger schwanger, als wenn die Folgen nicht so gewichtig sind. Und dann gibt es noch den Faktor Zeit: Je länger ich mit eventuellen negativen Folgen leben müsste, desto schwerer wird mir die Entscheidung fallen und ich werde länger darüber nachdenken, sie zu treffen.“

Angst davor zu haben, Fehler zu machen, ist okay – schlimmer ist es, gar nichts zu tun
Dass es den meisten von uns generell eher schwer fällt, Entscheidungen zu treffen, liege vor allem daran, dass wir Angst davor haben, Fehler zu machen. „Das ist uns kulturell schon in die Wiege gelegt. Viele denken ja auch, das Gegenteil von Mut wäre Angst. Das stimmt nicht. Es ist die Handlungsunfähigkeit.“ Angst hingegen könne mit den richtigen Methoden umschifft werden: Steht eine Entscheidung an, sollte man alle möglichen Strategien genau durchgehen. Und sich dann die Frage stellen: Was könnte im schlimmsten Fall passieren? Wie wahrscheinlich ist es, dass meine Entscheidung dazu führt, dass etwas schiefgeht? Und welchen Preis bin ich dann bereit zu zahlen?

Die Abwägung von Risiken und Chancen ist also die Grundlage, wenn es darum geht, die Segel zu straffen und seine Reise fortzusetzen – egal in welche Richtung. Und oft verliere das groß erscheinende Problem bei näherer Betrachtung sogar seinen Schrecken. Diese Erfahrung hat Alexandra Reiter bereits selbst gemacht. Denn auch sie hat ein eigenes Business. „Eine Situation, in der ich mutig sein musste, war, als ich mich entschied, meinen festen Teilzeitjob zu kündigen, um mich komplett auf meine Selbstständigkeit zu konzentrieren. Vor einigen Jahren habe ich dann auch beschlossen, keine Gruppenseminare mehr zu geben, sondern nur noch Einzelcoachings zu machen.“ Über beide Entscheidungen musste die Wahlhamburgerin länger nachdenken. Am Ende, sagt sie, habe sie nichts bereut.

5 MUTMACH TIPPS:

  1. SICHERHEIT ALS ILLUSION BEGREIFEN
    Egal, wie gewichtig das Thema ist, mit dem man sich auseinandersetzen muss, es gibt keine hundertprozentige Sicherheit, dass man am Ende mit seiner Entscheidung diesbezüglich richtig liegt. Sich das klar zu machen und sich bewusst zu sein, dass wir nie alles bis ins kleinste Detail kontrollieren können, kann den Druck nehmen und dafür sorgen, dass wir vom Grübeln ins Handeln kommen
  2. WICHTIGE KERNFRAGEN STELLEN
    Wer erfolgreich sein und seine Ziele erreichen möchte, der muss damit rechnen, dass er oder sie auf dem Weg auch scheitern kann. Eine Möglichkeit, ein Thema objektiver betrachten zu können ist, sich die beiden folgende Fragen zu stellen: Was könnte im schlimmsten Fall passieren? Und welchen Preis bin ich zu zahlen, wenn ich scheitere?
  3. TRAGWEITE ERKENNEN
    Michael Ende hat in seiner Kinderbuchreihe „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ den möglichen Umgang mit Ängsten beschrieben: Jim und Lukas treffen in der Wüste einen furchteinflößenden Riesen. Doch je näher sie ihm kommen, desto kleiner wird er. Am Ende ist er sogar einen Kopf kleiner als Lukas – und die Angst ist verflogen. Die Moral
    von der Geschichte: Manchmal erscheinen uns Probleme, verbunden mit Angst, größer als sie wirklich sind. Bei näherer Betrachtung verlieren sie oft ihren Schrecken.
  4. CHANCEN UND RISIKEN ABWÄGEN
    Das Risiko einer Sache zu kalkulieren ist wichtig und kann uns vor schwerwiegenden Folgen bewahren. Genauso wichtig ist es aber, auch die Chancen in den Blick zu nehmen. Wer
    permanent wie ein Kaninchen vor der Schlange sitzt und sich darauf konzentriert, nicht gefressen zu werden, der wird im Zweifel nie den Sprung auf die Wiese nebenan wagen und
    feststellen, dass das Gras dort noch viel grüner ist.
  5. EXPERTEN ZU RATE ZIEHEN
    Wer sich bei Entscheidungen grundsätzlich unsicher ist, der kann sich Tipps von erfahrenen Business-Coaches, Finanzberatern oder anderen Experten holen. Auch Gespräche mit potenziellen Investoren oder Menschen, die bereits in ähnlichen Situationen waren, können Themen und Aspekte in ein neues Licht rücken und letztlich hilfreiche Impulse geben.
Text: Lena Johanna Philippi Illustration: Nguyet Cu