Ein starkes Netzwerk, viele Anlaufstellen und eine hohe Lebensqualität – Hamburg ist ein absoluter Hotspot der Gründerszene. Vor allem Start-ups aus den Bereichen Technologie und Wissen werden von der Stadt gefördert. Seit letztem Jahr gibt es auch noch eine echte Rarität: ein Einhorn an der Elbe.

Einhörner sind selten. Weltweit gibt es etwa 300. In Deutschland sind es sechs. Mit dem Begriff „Unicorn“ werden digitale Startups bezeichnet, die nicht an der Börse notiert sind und deren Wert von Investoren auf mehr als eine Milliarde Dollar geschätzt wird. Seit Sommer letzten Jahres kann sich auch Hamburg eines dieser seltenen Unternehmensspezies rühmen. Das digitale Fashion- Start-up „About you“ der Otto Group erhöhte 2018 sein Kapital um 300 Millionen US-Dollar – und wurde zum Einhorn. Gründer Tarek Müller ist zu Hamburgs Vorzeigegründer geworden. In einem Interview mit dem Abendblatt sagte er, dass amerikanische Investoren Deutschland und Europa „sehr interessant“ fänden. Gleichzeitig kritisierte er das mangelnde „Ambitionsniveau“ heimischer Gründer und bedauerte, dass wir „keine moderne und internationale Gründerkultur in Deutschland“ hätten.
Doch wie sieht es in Hamburg aus? Die Stadt gehört seit Langem zu den Hotspots der Gründerszene. Laut KfW Gründungsmonitor 2018 steht die Elbmetropole mit 207 Gründern pro 10 000 Erwerbstätigen zusammen mit Berlin an der Spitze der Gründerstädte. Während die Gründungsstätigkeit – auch aufgrund des stabilen Arbeitsmarktes – bundesweit eher abnimmt, werden in Hamburg weiterhin fleißig Businesspläne geschrieben, Innovationen entwickelt, Patente angemeldet. „Der Unternehmergeist, der sich aus der Tradition entwickelt hat, genießt hier eine hohe Anerkennung und ist fest verwurzelt in der DNA Hamburgs“, sagt Rolf Strittmatter, Geschäftsführer von Hamburg Invest. Die Wirtschaftsförderungsgesellschaft ist mit ihrer „Startup Unit“ zentrale Anlaufstelle für Unternehmen im Wirtschaftsraum Hamburg – besonders für technologie- und wissensbasierte Startups. Zudem soll die Stadt als Gründerstandort stärker auf die internationale Landkarte gesetzt werden. Denn, was im Ausland noch nicht jeder weiß: Hamburg hat für angehende Unternehmer und junge Start-ups viel zu bieten. Von Unterstützungsangeboten wie dem Hamburg Welcome Center oder der Hamburger Existenzgründer Initiative H.E.I. über vielfältige Accelerators und Hubs, Inkubatoren und Company Builder bis hin zu Universitäten und Innovation Labs. Auch Co-Working-Spaces breiten sich immer weiter aus. Über 70 Anbieter gibt es bereits.
Nicht zu vergessen die Handelskammer mit ihrem großen Angebot. „Die Gründerszene in Hamburg ist sehr lebhaft “, sagt Doreen Hotze, Leiterin des Gründungszentrums der Handelskammer. „Das Ökosystem hat sich stark weiterentwickelt.“ Sie sieht die Stärke der Stadt zum einen im guten Netzwerk. „Hamburg ist ein Dorf, es ist leicht, in Kontakt zu kommen.“ Zudem gebe es viele „Corporates“. „Die starke Hamburger Realwirtschaft ist ein großer Antrieb für innovative Start-ups“, erklärt sie. Das sieht Rolf Strittmatter genauso: „Die Mischung macht’s“, sagt er. Hamburg sei sehr breit aufgestellt. „E-Commerce, Medien, Logistik, Gesundheit und Life Sciences oder Erneuerbare Energien – darin sind wir stark.“ Eine Besonderheit: Gründungen in Hamburg sind nachhaltiger als zum Beispiel in Berlin. Das sagen Hotze und Strittmatter gleichermaßen. Die großen Konzerne leisten sich zudem immer öfter eigene Inhouse-Start-ups. Neben Ottos About you hat Beiersdorf seine „Wingman Studios“.
Das Ökosystem wächst. Immer neue Angebote kommen auf den Markt. Gerade hat die Hamburgische Innovations- und Förderbank das neue Förderprogramm „InnoFounder“ gestartet, mit dem Gründer bis zu 75 000 Euro Unterstützung erhalten können. Auch an Auszeichnungen mangelt es nicht. Ist der Hamburger Gründerpreis längst eine Institution, initiiert Hamburg Invest dieses Jahr zusammen mit der Hamburg Marketing GmbH erstmals den „Future Hamburg Award“ für Start-ups aus aller Welt.
Die neuen Fördermaßnahmen und auch das Auftauchen des Einhorns in Hamburg zeigen einen weiteren Trend: Es fließt immer mehr Geld in und nach Hamburg. Die Investitionen in Hamburger Start-ups haben sich von 230 Millionen (2017) auf 548 Millionen (2018) mehr als verdoppelt. Rolf Strittmatter spricht von einem „Kulturwandel“. Es werde nicht mehr nur in die klassischen Branchen, sondern auch immer mehr in neue Geschäftsfelder investiert. „Ich glaube fest an einen Wandel“, sagt er. „Doch dieser läuft hanseatisch im Hintergrund ab.“

 

Text: Nina Schwarz Fotos: Bents Honkanen Rosenkranz