So richtig freundlich ist der Name nicht, den die ITler für einige ihrer Produkte gefunden haben: „Bananenware“ nennen sie sie und wenn man sie dann fragend anschaut, schieben sie die Erklärung hinterher: „…reift beim Kunden“.
Verständlich, dass gerade System-Administratoren eher mürrisch sind, wenn sie es mit solchen Beta-Versionen zu tun bekommen: Software, die immer wieder einmal abstürzt, upgedatet werden muss, die häufig nicht tut, was sie soll, oder tut, was sie nicht soll. Und wenn es um Software in Operationssälen oder Kernkraftwerken geht, sind es auch nicht nur die IT-Verantwortlichen, die den Einsatz von Bananenware für unverantwortlich halten.
Aber da, wo es nicht um lebenswichtige Funktionen geht, verhalten sich die Nutzer oft so wie die DDR-Bürger nach dem Mauerfall: Sie scheinen von den Bananen gar nicht genug bekommen zu können. „Perpetual Beta“ hat sich inzwischen als Fachbegriff etabliert – die unendliche Banane sozusagen. Benutzer erwarten, dass gute Produkte sich schnell weiterentwickeln, gelegentliche Fehler oder Störungen werden akzeptiert – als Preis für Schnelligkeit und Flexibilität.
Eines der bekanntesten Perpetual-Beta-Produkte ist Gmail, der Mail-Dienst von Google. Das Angebot ging 2004 als Beta- Version im traditionellen Sinn an den Start: begrenzter Umfang, Teilnahme nur auf Einladung möglich (wobei im Frühjahr 2004 solche Einladungen für mehr als 100 Dollar bei Ebay gehandelt wurden). Aber als Gmail drei Jahre später für alle Nutzer geöffnet wurde, war es immer noch im Beta-Status. Erst im Juli 2009, fünf Jahre nach seinem Start, strich Gmail endlich das Beta aus seinem Logo – als drittgrößter kostenloser E-Mail-Anbieter der Welt, mit mehr als 30 Millionen Nutzern.
Und wer wollte, konnte auch dann noch im Bananenmodus bleiben. Das Gmail-Projektteam hatte eine „back to beta“-Funktion eingeführt, die Nutzer zum gewohnten alten Logo zurückbrachte. Dazu konnte man bei „Gmail Labs“ noch weitere Funktionen aktivieren, die experimentelle Gefühle bescherten.
Vom Anspruch an Perfektion, wie er im Industriezeitalter vorherrschte, ist da nicht mehr viel übrig geblieben. Das liegt zum einen daran, dass es im Software-Bereich keine Fabriken mit Massenproduktion gibt – das würde es nämlich ökonomisch sinnvoll machen, möglichst viele gleichförmige Produkte herzustellen; so wie es im ganzen 20. Jahrhundert üblich war.
Und es liegt zum anderen daran, dass Perfektion eher ein Nachteil ist. „Die Vision der Software bleibt ständig unvollständig und kann durch fortlaufende Entwicklungsexperimente unbeschränkt in die verschiedensten Richtungen wachsen“, begründet der US-Technikphilosoph Venkatesh Rao den Vorteil der unendlichen Banane. „Die Lücken in der Vision sind die Quelle von glücklichen Zufällen.“ Es komme eben immer weniger darauf an, was sich der Entwickler bei der Software gedacht habe, und immer darauf, was die Nutzer damit anstellen.
Klingt komisch? Fühlt sich irgendwie nicht so richtig nach Fortschritt an? Dann hat Rao noch einen Trost auf Lager: „Wer den allmählichen Niedergang von berühmten Institutionen wie AT&T Bell Labs und Xerox Parc beklagt, verpasst häufig den Aufstieg von noch eindrucksvolleren Laboren.“ Wenn Sie diese neuen Labore nicht sehen, dann liegt es eben daran, dass Sie nicht an der richtigen Stelle suchen: „Im Industriezeitalter waren Forschungslabore eindrucksvolle, beständige Gebäude, in denen experimentelle Produkte erschaffen wurden. Im digitalen Zeitalter sind Forschungslabore experimentelle Bereiche innerhalb von eindrucksvollen, beständigen Produkten.“ Produkte/ Labore wie Gmail, Linux oder Android – alle Banane.

 

Text: Detlef Gürtler