Es ist nicht unüblich, dass eine Geschäftsidee nicht wie erhofft funktioniert und ein UNTERNEHMEN SCHEITERT. Doch während in den USA eine Pleite zum geschäftlichen Alltag gehört, gilt ein Scheitern hierzulande als Makel.

Zu den großen Sorgen eines 18-jährigen Teenagers gehört eigentlich, ob der große Schwarm die Liebe wohl erwidern wird oder was man nach dem Abi studieren soll. Bei Frank Thelen lief das anders. Gerade volljährig geworden, gründete er sein erstes Unternehmen, die Softer Solutions GmbH, eine Plattform zur Produktion von Multimedia Multi-CD-ROMs. Das Geschäft lief gut, zu den Kunden gehörten Filmausrüster Agfa, das Internetunternehmen 1&1 und der Deutsche Bundestag. Thelen gründete weitere Unternehmen, erhielt 1,4 Millionen Mark Wagniskapital, plante einen Börsengang, doch dann platze die Dotcom-Blase – und Thelen stand vor einem Scherbenhaufen. Sein Unternehmen ging pleite, mit gerade einmal 24 Jahren hatte er eine Million Mark Miese auf dem Konto. Heute ist der 41-Jährige wieder erfolgreicher Start-up-Geldgeber, Juror in der populären Vox-Gründershow „Die Höhle der Löwen“ und Multimillionär – all das vielleicht gerade wegen seines frühen Misserfolgs, denn Thelen ist überzeugt: „Wenn man weiter kommen will, gehören Stürze dazu.“
Doch genau diese Denke hat sich in Deutschland noch immer nicht durchgesetzt. Während es in den USA quasi zur „Ausbildung“ eines jeden Unternehmers gehört, einmal kräftig auf die Nase zu fallen, gilt Scheitern hierzulande oft als Mangel in der Vita, den man so gut wie möglich vertuschen sollte, statt ihn quasi als „Ehrenabzeichen“ stolz vor sich herzutragen – schließlich bieten erst Fehlschläge die große Chance, sich gründlich mit sich und den Verhältnissen zu beschäftigen und dadurch beim nächsten Versuch umso erfolgreicher zu sein: „I’ve failed my way to success“, beschrieb bereits US-Erfinder Thomas A. Edison sein Erfolgsgeheimnis.
In Deutschland steht dagegen nur etwa jeder zweite Bundesbürger dem unternehmerischen Scheitern positiv oder überwiegend positiv gegenüber, wie eine repräsentative Umfrage der Universität Hohenheim zeigt, die unter dem Titel „Gute Fehler, schlechte Fehler“ veröffentlicht wurde und unter www.neue-unternehmerkultur. de abrufbar ist.
Interessant sind dabei insbesondere auch die regionalen Unterschiede: Während in Bremen offenbar eine positive Haltung gegenüber unternehmerischen Misserfolgen vorherrscht, wird Scheitern in Hamburg und Berlin tendenziell negativer wahrgenommen als im Schnitt aller Bundesländer. Was überrascht, steht doch die Hansestadt für erfolgreiches wie traditionelles Unternehmertum, die Hauptstadt für die neue Start-up-Kultur – dass eine unternehmerische Entscheidung einmal schief geht, sollte hier eigentlich als selbstverständlich angesehen werden. Eine Begründung für die große Skepsis in den beiden Stadtstaaten liefern die Autoren der Studie zwar nicht, doch insgesamt gilt für die mehr als 2000 Befragten aus allen Bundesländern: Gründe für das Scheitern, die außerhalb des Einflusses des Gründers liegen, werden eher akzeptiert, insbesondere wenn es sich dabei um Ursachen wie Krankheit, allgemeine wirtschaftliche Entwicklung oder wettbewerbsbedingtes Scheitern handelt.
Liegt die Ursache für das Scheitern eines Unternehmens dagegen innerhalb des Einflussbereichs des Gründers, ergibt sich laut Studie ein anderes Bild: Lassen sich Fehler auf die Fähigkeiten und Kompetenzen des Unternehmensgründers zurückführen, wird dies von den Befragten nur bedingt toleriert und kann zur Stigmatisierung des Gründers führen.
Interessanterweise sind die Befragten eher bereit, Zahlungsunfähigkeit zu akzeptieren als die willentliche Beendigung eines unternehmerischen Vorhabens. Ein „Einfach mal Ausprobieren“ wird als Grund für ein Scheitern nicht akzeptiert – dabei ist es doch gerade oft das Herumtüfteln, das aus einem zunächst augenscheinlich verrückten Gedanken das „next big thing“ möglich machen kann.
Es sei „ernüchternd“, dass viele Deutsche trotz Idee, Kompetenz und grundsätzlichem Interesse am Unternehmertum aufgrund des mit einer Unternehmensgründung einhergehenden Risikos auf die Umsetzung ihres Traums verzichten, schreiben die Autoren der Studie. Es existiere eine „ganz grundsätzliche Angst vor dem Scheitern“. Dagegen helfe auch nicht, dass die Deutschen in den vergangenen Jahrzehnten „ein durchaus positives Bild von Unternehmern und ihrer Bedeutung für den wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands gewonnen haben“. Dennoch sind die Autoren optimistisch. Speziell junge Menschen würden eine vergleichsweise positive und tolerante Haltung mit Blick auf das Thema Scheitern haben. Dieses enorme Potenzial müsse frühzeitig erkannt, genutzt und über die nächsten Jahre und Jahrzehnte konsequent und dauerhaft aufrechterhalten werden, dann würden die „Chancen für eine neue Gründerzeit und einen positiveren Umgang mit Fehlern“ gut stehen.
Warum sich Deutschland mit einer „Kultur des Scheiterns“ so schwer tut, hat auch Nikolaus Förster, Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins „Impulse“ und Geschäftsführender Gesellschafter der Impulse Medien, ergründet. Über acht Jahre hat er Unternehmerinnen und Unternehmer nach ihren größten Fehlern befragt und daraus ein Buch gemacht: „Mein größter Fehler – Bekenntnisse erfolgreicher Unternehmer“.
Unter den 91 Köpfen ist beispielsweise Architekt Meinhard von Gerkan, Fitnessstudio-Gründer Werner Kieser, Software- Unternehmerin Marion Sinner und auch Manfred Maus, Mitgründer der Baumarktkette Obi. Er erzählt davon, wie er mit dem Unternehmen in ein Schwellenland expandierte, aber trotzdem eine persönliche Niederlage erlitt: Alles war nach Plan gelaufen, doch sechs Wochen vor Eröffnung der Filiale hieß es plötzlich, dass wegen einer angeblichen Gasleitung im Untergrund keine Genehmigung erteilt werden könne. Nur eine Möglichkeit gebe es, hieß es, sie kostete 10 000 Euro – Bestechungsgeld. Bis heute bereut es Maus, sich darauf eingelassen zu haben. „Das widerspricht all dem, was mir wichtig ist und wie ich groß geworden bin“, berichtet er in dem Buch.
Besser wäre es gewesen, lieber nicht zu zahlen und den Markt nicht zu eröffnen. Es war sein größter Fehler – an dem er aber ganz offensichtlich noch einmal seine Ansprüche an sich als Unternehmer geschärft und deshalb von diesem Scheitern auch profitiert hat.
„Folgen Sie Ihrer inneren Stimme“, lautet deshalb eine der zehn Management-Lektionen, die in dem Buch als Prinzipien für nachhaltigen Erfolg vorgestellt werden. Förster ist es darin gelungen, was in Deutschland eben oft noch Tabu ist: „Über Fehler zu reden, heißt, sich eine Blöße zu geben“, erklärt Förster. In Deutschland werde keine „Kultur des Wiederaufstehens“ gepflegt, man wolle möglichst perfekt dastehen. Warum das so ist, wird für Förster alleine schon an dem Begriff Existenzgründer deutlich. Wer ein Unternehmen gründe, der gründe eine Existenz, das ganze Sein sei mit dem Begriff verbunden. Der amerikanische Begriff Start-up sei dagegen viel spielerischer und leichter. Auch sei das Sicherheitsdenken hierzulande sehr stark ausgeprägt, je mehr Wohlstand es in einem Land gebe, desto stärker werde darauf gesetzt, diesen Status quo zu bewahren, was Kreativität und den Impuls, Neues zu wagen, nicht gerade unterstütze. „Dabei muss man viele Fehler machen, selbst erlebt haben, um überhaupt voranzukommen“, ist Försters Bilanz aus den Gesprächen. Das Wort Scheitern ist ihm jedoch zu hart, „viele Unternehmer erleben vielleicht bittere Niederlagen, aber das heißt nicht, dass sie gescheitert sind“, betont er.
Dennoch plädiert Förster für eine andere Fehlerkultur in Deutschland, vorgelebt durch das oberste Management: „Wenn der Chef immer eine weiße Weste hat, dann darf man nicht erwarten, dass Mitarbeiter anders und offen mit Fehlern umgehen. Aber genau dann können sich schlecht laufende Prozesse nicht verbessern“, betont er. „Wenn ein Fehler passiert, sollte deshalb nicht zunächst danach gefragt werden, wer schuld ist. Sondern gemeinsam überlegt werden, was getan werden kann, damit genau das nicht noch einmal passiert.“
Auch er selbst habe als Unternehmer Fehler gemacht, erzählt Förster, der „Impulse“ vor vier Jahren im Zuge eines Management Buy-outs vom Hamburger Verlag Gruner + Jahr übernommen hat. Beispielsweise dabei, die richtige Balance zwischen Firma und Familie zu finden. Oder auch den Vertrieb zunächst über ein Callcenter gesteuert zu haben. „Man wird nie ganz gegen Fehler gefeit sein. Wichtig ist aber, dass man daraus die richtigen Konsequenzen zieht“, sagt Förster. Dabei helfen sollen auch Veranstaltungen wie die „Impulse“-Konferenz „Aus Fehlern lernen“, die 2016 bereits zum dritten Mal stattfand und bei der bekannte Unternehmer von ihren Niederlagen berichten. Auch die sogenannten „FuckUp Nights“, die 2012 erstmals in Mexiko stattfanden und seither in vielen Städten weltweit veranstaltet werden, verfolgen das Ziel, Scheitern politisch, gesellschaftlich und persönlich zu entstigmatisieren, indem Gründer erzählen, wann und warum sie einmal richtig auf die Nase gefallen sind – und was sie daraus gelernt haben.
Auch „Löwe“ Frank Thelen hat sich nach der Niederlage in jungen Jahren wieder berappelt. Statt aufzugeben gründete er ein neues Unternehmen, den Online-Photoservice namens Ip.labs, dessen Lizenz später zahlreiche Unternehmen wie T-Online, Aldi und Lidl kauften. So folgten auf den Schuldenberg Millionen-Gewinne. „Diese beiden krassen Erfahrungen, einmal in der Tiefe und einmal in der Höhe, haben mich geformt“, sagte Thelen dem Magazin „Deutsche Start-ups“. Als Unternehmer habe er dabei auch von seinen Erfahrungen als Skateboarder profitiert. Dort habe er gelernt: „Wenn man weiterkommen will, gehören Schmerzen und Stürze dazu. Man muss lernen, wieder aufzustehen und weiterzumachen.“
Eine Einstellung, die nicht nur in der Halfpipe, sondern sicher in jedem Unternehmen weiterhelfen kann.

 

ZEHN TIPPS FÜR EINE NEUE UNTERNEHMERKULTUR DES SCHEITERNS:

1. Es muss sich die Sichtweise jedes Einzelnen von vereinfachendem Schwarz-Weiß-Denken ändern, beispielsweise nicht mehr Erfolg haben vs. Scheitern.

2. Wir brauchen ein umfassenderes Verständnis unternehmerischen Handelns (Ausprobieren, Versuchen, Wagen, Lernen, Testen).

3. Eine tolerante und fehlerfreundliche Unternehmerkultur muss allgemein eine höhere Aufmerksamkeit in Politik, Wirtschaft und Medien erhalten und durch laufende und flächendeckende Kampagnen in der Öffentlichkeit verankert werden.

4. Es müssen mehr Formate geschaffen werden, die gescheiterten wie erfolgreichen Unternehmern und Persönlichkeiten die Möglichkeit geben, ihre Erfahrungen mit der Öffentlichkeit zu teilen, wie beispielsweise bei den „FuckUp Nights“.

5. Es müssen erfahrene und weniger erfolgreiche Personen den Mut aufbringen, sich mehr in die Öffentlichkeit einzuschalten, um ihre Geschichte zu erzählen.

6. Gerade die Lebensgeschichten von erfolgreichen Unternehmern, die auf ihrem Weg zum Erfolg mehrfach gescheitert sind (Seriengründer), müssen stärker verbreitet werden, damit ihre ursprünglichen Misserfolge nicht durch den später eintretenden Erfolg für immer überdeckt, sondern vielmehr als notwendige Vorbedingung des späteren Erfolgs verstanden werden.

7. Der Unternehmerausbildung muss ein größerer Stellenwert in Aus- und Weiterbildung eingeräumt und das Berufsbild des Unternehmers als gleichberechtigte und alternative Karrieremöglichkeit präsentiert werden.

8. Es muss ein freiwilliges und gefördertes Gründerjahr für Schüler, Studierende oder Hochschulabsolventen in einer risikoreduzierten und experimentierfreudigen Umgebung geschaffen werden, um einen vereinfachten Einstieg in das Unternehmertum zu ermöglichen und positives Scheitern zu lernen.

9. Eine negative Fehlerkultur führt häufig zu noch mehr Stress, Leistungsdruck und Perfektionismus, deshalb sollte im Unternehmen nicht die Schuldfrage im Vordergrund stehen, sondern der Versuch, aus den Fehlern zu lernen.

10. Simpel, aber essentiell: Ohne Fehler keine Innovationen, „trial and error“ heißt die schlichte Formel für den Unternehmer auf dem Weg zum Erfolg.

 

Text: Sonja Álvarez Illustration: Herbert Beckmann
Sonja Álvarez schreibt für den Tagesspiegel in Berlin und das Handelsblatt in Düsseldorf – dank moderner Kommunikationstechnik ist der Standort der Redaktion aber kaum von Bedeutung.