Lebenslanges Lernen oder „LIFELONG LEARNING“ ist ein bildungspolitisches und gesellschaftliches Leitkonzept. Warum es in der Wirtschaft so aktuell ist wie nie, erzählen Unternehmer, Wissenschaftler und andere Experten.
Die erfreuliche Nachricht zu Beginn: Das menschliche Gehirn bleibt bis ins hohe Alter lernfähig. „Die sogenannte Neuroplastizität, die Fähigkeit des Gehirns, neue Verbindungen zu schaffen, lässt nicht einfach nach, weil wir älter werden“, sagt Professor Ulrich Reinhardt. Als Zukunftswissenschaftler ist es seine Aufgabe, Veränderungen zu erkennen und daraus Risiken und Chancen abzuleiten. Und es braucht noch nicht einmal die jüngste Diskussion um die Rente mit 70, um den 55-Jährigen zu folgender Aussage zu veranlassen: „Wir haben eine furchtbare Kultur entwickelt, in der Menschen ab 50 als ,zu alt zum Umschulen‘ gelten. Das ist Blödsinn und Verschwendung von Potenzial.“
Der Wissenschaftliche Leiter der „Stiftung für Zukunftsfragen“ ist überzeugt davon, dass sich beim Älterwerden nicht die Kapazität, sondern die Qualität des Lernens verändere. „Ein 65-Jähriger lernt anders als ein 25-Jähriger – nicht schlechter, sondern oftmals intelligenter“, erklärt er. „Mit wachsender Erfahrung wächst die Mustererkennung. Man sieht Zusammenhänge schneller, erkennt Fehler früher. Das ist ein riesiger Vorteil beim Lernen.“ Nicht die Lernfähigkeit sei das Problem, sondern die Lernmotivation. Im beruflichen Kontext kämen an dieser Stelle die Unternehmen ins Spiel.
„Die Einzelperson trägt die primäre Verantwortung für ihre persönliche Entwicklung“, sagt Reinhardt. „Wenn wir uns nicht für das Lernen interessieren, dann wird auch das beste Kursprogramm des Unternehmens nichts bringen. Aber, und das ist entscheidend, der Einzelne braucht ein ermöglichendes Umfeld.“ Reinhardt versteht darunter „Zeit fürs Lernen, Sicherheit, um zu experimentieren und Fehler zu machen, finanzielle Investition in Weiterbildung sowie eine Kultur, die Lernbereitschaft honoriert, nicht bestraft“. Sein Urteil ist eindeutig: „Das ist kein Luxus für Unternehmen – das ist Überlebensfähigkeit.“
Der Grund dafür, dass Lernen stets ein Thema sein müsse, habe viel mit technologischen Entwicklungen zu tun. Nach Meinung des Zukunftswissenschaftlers veränderten Digitalisierung und KI vor allem das Tempo, in der sich die Arbeitswelt verändere. „Was früher in einer Generation galt, muss heute in fünf Jahren neu gelernt werden.“ Für den Forscher auch eine Chance: „Wenn Menschen verstehen, dass sie sich ständig neu erfinden können, ändert das alles.“
Lernen, um handlungsfähig zu sein
Mit dem „UNESCO – Institut für Lebenslanges Lernen“ (UIL) existiert unweit der Alster eine Institution, die sich seit mehr als 70 Jahren mit dem Thema auseinandersetzt. Während der Schwerpunkt historisch auf der Alphabetisierung von Menschen lag, kümmern sich heute 30 Personen um die komplexe Relevanz des lebenslangen Lernens für die persönliche Weiterentwicklung, den gesellschaftlichen Wandel, die Gestaltung von Demokratie, aber eben auch für den Arbeitsmarkt.
In und von Hamburg aus wird vernetzt, Forschung zum Thema Erwachsenenbildung betrieben, werden politische Reformen des Lebenslangen Lernens weltweit unterstützt, und Trainings für diverse Multiplikatoren erarbeitet. „Die Welt ändert sich so rasant, dass es nicht nur eine Option ist zu lernen, sondern eine Pflicht“, sagt Katja Römer, Leiterin der Kommunikationsund Öffentlichkeitsarbeit. Lernen sei unabdingbar, wenn man handlungsfähig bleiben wolle. „Als Bürger und Bürgerin,“ aber eben auch als Angestellter und Angestellte sowie als Unternehmen.“
Eines von zahlreichen Projekten des Instituts ist das „UNESCO Global Network of Learning Cities“, zu dem auch Hamburg zählt. Mit dem Netzwerk sei man bemüht, Akteure zusammenzubringen, die Rahmenbedingungen beeinflussen können. „Und da die Menschen nun einmal einen Großteil ihres Lebens arbeiten, haben Unternehmen einen relativ hohen Stellenwert in diesem Austauschprozess“, sagt Römer. Gepflegt werden müsse eine Kultur des Lernens: „Wenn eine Schaffung von Lernangeboten unternehmensintern nicht möglich ist, muss eine Weiterbildung über externe Anbieter gewährleistet werden.“
Auch ein Angebot unterschiedlicher Lernformate – offwie online – sei von Bedeutung. Katja Römer spricht sich für einen „breiten Lernbegriff“ aus: „Am Ende muss kein Zertifikat stehen, wertvoll kann auch ,Peer Learning‘, das Lernen von Kollegen, sein.” Sie berichtet vom Anspruch einiger asiatischer UNESCO Learning Cities, dass Lernorte vom Wohnort eines jeden Menschen innerhalb von fünfzehn Minuten erreichbar sein müssen, „ganz gleich, ob im Unternehmen, in einer Bibliothek, einem Gemeinschaftszentrum, einer Universität oder einer Schule.“
Lebenslanges Lernen beginnt schon in jungen Jahren
Armin Grams, Geschäftsführer Fachkräfte und Lebenslanges Lernen der Handelskammer Hamburg (HK), plädiert dafür, beim Thema nicht nur an ältere Arbeitnehmer zu denken. „Wenn wir davon ausgehen, dass wir aufgrund von demografischen Entwicklungen möglicherweise alle länger arbeiten müssen, heißt das, dass wir uns auch länger fit halten müssen was die Qualifikationen betrifft“, sagt der 59-Jährige, der sich seit mehr als 20 Jahren mit Bildungsthemen beschäftigt.
„Trotzdem würde ich mich nicht auf eine Altersgruppe festlegen, da gerade das Thema KI und die damit verbundenen Technologiesprünge auch Menschen betreffen, die heute das Studium verlassen oder eine Ausbildung abgeschlossen haben.“ So würden die Zertifikatslehrgänge im Bereich KI gepaart mit Unternehmensfunktionen wie Personalwesen oder Marketing gerade „laufen wie geschnitten Brot“.
Die Handelskammer hatte das Thema Lebenslanges Lernen zuletzt 2020 weiter in den Fokus gerückt und die entsprechende Bildungsplattform gegründet, auf der alle Bildungsund Qualifizierungsangebote gebündelt werden. Grams: „Man kommt eben nicht mehr allein mit einem Ausbildungsoder Studienabschluss durchs Leben.“ Auch der große Schwerpunkt „Fachkräfte“ ist mittlerweile im Bereich von Armin Grams angesiedelt. „Unsere Untersuchungen sagen, dass bis zum Jahre 2040 bis zu 173 000 Fachkräfte hier am Standort fehlen könnten“, sagt er. „Da ist das Thema, wie sich die Belegschaft im eigenen Unternehmen qualifizieren lässt, natürlich ein riesiges.“ Anders als große Unternehmen wie Otto, Beiersdorf oder Aurubis, die über interne Bildungs-und Kompetenzzentren verfügten, bedienten sich besonders die KMUs externer Qualifizierungsund Bildungsträger. Es sei auch nicht unüblich, dass die Anbieter ins Unternehmen kämen, um vor Ort gebündelt Kurse abzuhalten.
Armin Grams war bis Ende 2025 auch Geschäftsführer der Handelskammer Hamburg Bildungs-Service gGmbH (HKBiS), einem Dienstleister, über den pro Jahr bis zu 3000 Menschen Fortund Weiterbildungsangebote nutzen. Der Einbruch auf dem Weiterbildungsmarkt, der mit der Pandemie einhergegangen sei, habe wieder aufgeholt werden können. Trotzdem ließen sich konjunkturelle Auswirkungen beobachten: „Wenn es den Unternehmen schlecht geht, wird häufig in der Weiterbildung gespart, was eigentlich der falsche Zeitpunkt ist.“ Paradoxerweise sei es in Wachstumsphasen ähnlich: In Zeiten, in denen viele Menschen eingestellt würden, sei die Bereitschaft von Seiten der Beschäftigten, Angebote zu nutzen, ebenfalls geringer. Grams appelliert an Mut und Unternehmergeist: „Ich glaube fest daran, dass diejenigen, die in Weiterbildung investieren, am Ende vorne sein werden.“
Führungskräfte als Stellschraube
Ein Unternehmen, das das Thema Lebenslanges Lernen ebenfalls auf die gesamte Erwerbsbiografie bezieht, ist die HHLA mit ihren rund 3700 Mitarbeitenden in Hamburg. „Wir sprechen schon mit unseren Auszubildenden vom ersten Tag an darüber, dass es wichtig ist, das Lernen zu lernen“, sagt Personalentwicklerin Clarissa Groß. Berufsanfängern sei längst bewusst, dass sich der Beruf, den sie lernen, stetig entwickelt. „Tatsächlich betreuen wir Digitalisierungskaufleute, die wissen, dass ihr Fachwissen schon in fünf Jahren überholt sein wird“, sagt Groß.
Der Bereich, den die studierte Wirtschaftspsychologin verantwortet, ist in den vergangenen Jahren signifikant gewachsen. Die 36-Jährige mag ihren Beruf besonders wegen seiner Vielfalt. Sie begleitet mit ihrem Team die erfahrene Gabelstaplerfahrerin im Hafen genauso wie die frisch ernannte Führungskraft. Tatsächlich habe ihre Abteilung besonders die Mitarbeitenden mit Personalzuständigkeit im Fokus: „Früher hat man diese noch nicht so stark in die Verantwortung genommen, was die Entwicklung ihrer Mitarbeitenden angeht. Aus meiner Sicht sind die Führungskräfte ein wichtiger Hebel für Lernen und Entwicklung, wenn sie kontinuierlich mit ihren Teams im Gespräch bleiben.“ Es gehe darum, die Mitglieder dieses Teams darin zu begleiten, Lernstrategien für sich zu finden und in den Arbeitsalltag zu integrieren.
„Lernen an sich ist ja zunächst für viele Menschen kein Selbstzweck“, sagt sie. „Ich kann nicht davon ausgehen, dass ich nur lernmotivierte Kollegen und Kolleginnen habe, und das finde ich auch total okay.“ Genau an dem Punkt müsse man aber dafür sorgen, einen passenden Rahmen zu schaffen und einen geeigneten Methodenmix anzubieten. Manche lernten gern online, andere lieber in einem Klassenraumformat. Groß: „Bei der Weiterbildung unserer Hafenarbeiter probieren wir auch neue Formate, etwa mit VR-Simulation, weil viele Stunden Theorie nicht das Richtige sind.“ Im Idealfall gelte es, den Einzelfall zu betrachten. Sie selbst ist gern Vorbild und möchte motivieren: „Seid offen, neugierig, lernt und entwickelt euch weiter.“
Lerninhalte stetig anpassen
Lerninhalte stetig anpassen Lerninhalte und Wissensvermittlung müssen sich weiterentwickeln – das weiß Sandra Noack aus eigener Erfahrung. Die ausgebildete Bildungswissenschaftlerin hat Lehrgänge für einen deutschen Automobilkonzern gestaltet, bevor sie zum „Elbcampus“, dem Bildungsund Kompetenzzentrum der Handwerkskammer Hamburg, gekommen ist. Dort ist es ihre Aufgabe, Meistervorbereitungskurse sowie Fortund Weiterbildungen zu entwickeln.
„In Handwerksberufen ist eine Ausbildung zunächst die Eintrittskarte in den Beruf“, sagt sie. „Danach aber geht es mit dem Lernen weiter – lebenslang.“ Doch nicht nur die Lernenden müssten sich an ein neues Tempo anpassen: „Auch wir, die wir den Rahmen setzen, sind von außen getrieben. Die Halbwertszeit des Wissens sinkt drastisch.“ Dieses „Getriebensein“ sieht die Bildungswissenschaftlerin als Innovationstreiber: „Wir haben in Hamburg sehr gute Netzwerkstrukturen. Das muss man als Vorteil nutzen.“
Es gehört zu Sandra Noacks Job, selbst Lernende zu bleiben. Sie schaut in Gewerke hinein und tauscht sich mit Innungen aus, um Vorbereitungskurse für Jobs wie „Zweiradmechanikermeister“ oder „Rollladenund Sonnenschutztechnikermeister“ zu erarbeiten. „Dabei eruieren wir zusammen die Kompetenzen, die ein Mensch benötigt, um in einem bestimmten Berufsfeld erfolgreich zu sein“, erklärt sie. „Und es hindert uns nichts daran, KI und andere neue Technologien in unsere Lehrgänge zu integrieren.“ Dafür sei es essenziell, Lehrgänge nicht „im stillen Kämmerlein“ zu konzipieren, sondern proaktiv Branchenvertreter zu besuchen, die erklären, welche Kompetenzen der ideale Mitarbeitende haben sollte.
Da die Menschen, die die mehr als 100 verschiedenen Lehrgänge und Seminare nutzen, unterschiedlich alt seien, sei es die Verantwortung der Didaktiker, „Lifelong Learning altersgerecht und nicht altersselektiv zu designen“. Noack weiter: „Die Bildungsund Weiterbildungsbiografien werden diverser.“ Die zunehmende Digitalisierung verlange die Beachtung von „Future Skills“, die in einer sich schnell verändernden Arbeitswelt unerlässlich seien: „Wichtig sind kritisches Denken, soziale Kompetenzen und die Fähigkeit zur Kollaboration.“
Lerneifer als innere Haltung
Ein Dozent, der die Verbindung von Theorie und Praxis schafft, ist Hakan Ertugrul. Der Heizungsbaumeister ist seit 2008 Dozent am „Elbcampus“ – als Quereinsteiger. Durch die Kurse zu den Themen Heizung, Wasser, Lüftung, Solar und Wärmepumpe, die der 60-Jährige durchschnittlich einmal pro Woche leitet, ist er gezwungen, immer auf dem neuesten Stand zu sein. „Ich besuche selbst pro Jahr bestimmt acht bis zehn Schulungen“, sagt er.
Seit 21 Jahren ist Hakan Ertugrul mit seinem Unternehmen „Enhatec“ selbstständig, das sich ganzheitlich um Gebäudetechnik kümmert. Und weil sich durch technische Innovationen und alternative Energien der eigene Beruf stetig verändert, besucht er auch in seiner Rolle als Unternehmer Seminare. Lebenslanges Lernen als Zusatzbelastung? Auch wenn Hakan Ertugrul nicht selten den Abend oder das Wochenende investiert, mag er es nicht so nennen. Für den Familienvater steht fest, dass er seinem Hauptberuf noch einige Jahre nachgehen will; „und der Dozententätigkeit vielleicht noch länger“.
Ob er bei seinen Schülern ein altersspezifisches Lernverhalten beobachten kann? „Die Jüngeren haben manchmal ein Problem mit der Aufmerksamkeit“, sagt er ohne Kritik. Bei ihm sei das früher genauso gewesen. Der „echte Wissensdurst“ sei erst später gekommen.