In der Hansestadt gibt es rund 700 VERBÄNDE für unterschiedliche Branchen und Bereiche. Alle zusammen sorgen sie dafür, dass die Wünsche und Interessen ihrer Mitglieder an den entscheidenden Stellen der Politik Gehör fnden.

VERBÄNDE
Unternehmen erzeugen mit ihren Mitarbeitern Produkte und Dienstleistungen in dem maßgeblich von der Politik vorgegebenen Rahmen. Aus diesem Grund gibt es Verbände, die daran arbeiten, die wirtschaftlichen Standortbedingungen im Interesse ihrer Mitglieder zu verbessern. Im Politiklexikon der Bundeszentrale für politische Bil.dung findet sich dazu folgende Definition: Verbände sind ein Zusammenschluss von Personen mit gemeinsamen Interessen zur Verfolgung gemeinsamer Ziele. Die Aufgabe dieser Vereinigungen ist es, die besonderen Interessen ihre Mitglieder in den politischen Entscheidungsprozess einfließen zu lassen.

Hamburg ist als Handels- Hafen-, Luftfahrt- und Logistikmetropole stark durch Wirtschafts- und Branchenverbände geprägt und zählt zu den wichtigsten Wirtschaftsstandorten in Deutschland. Das Branchenbuch von Hamburg.de hat für die Hansestadt mehr als 700 Einträge für Verbände aufgelistet, die die Interessen der Mitglieder wahrnehmen.

Neben der politischen Einflussnahme leisten die Verbände weitere wichtige Arbeit für die Unternehmen, wie etwa Rechtsberatung, Marktanalysen, Fortbildung und Qualifzierung oder Krisenkommunikation. Insbesondere bei den aktuellen geopolitischen Krisen ist die Unterstützung der Verbände von besonderer Bedeutung. So kümmert sich der Verband Deutscher Reeder intensiv um die Sicherheit von Handelsschiffen und ihren Besatzungen und arbeitet eng mit der Politik und der Marine zusammen. Weitere aktuelle Themenschwerpunkte von Verbänden sind beispielsweise Lieferkettenengpässe oder Energie- und Transportkosten.

Wir haben mit Vertretern von Verbänden gesprochen und einiges über deren Funktion, ihre unterschiedlichen Themenschwerpunkte sowie die ganz eigenen Bedürfnisse ihrer Mitglieder erfahren.

DAS MARITIME GEN IM BLUT
Schon sein Vater hat den Verband Deutscher Reeder geleitet. Auch für Martin Kröger war bereits früh klar, dass seine Berufung die Schifffahrt sein würde.

Spricht man mit Martin Kröger vom Verband Deutscher Reeder (VDR) über die Lage der Schifffahrt, dann kommt er schnell auf die aktuellen Probleme der Reedereien und ihrer Handelsflotte zu sprechen. Die Sicherheit der Schiffe, die auf den Weltmeeren unterwegs sind, seien derzeit eines der wichtigsten Themen. „Wir sind die Interessenvertretung für die Schifffahrt, die gerade in diesen unruhigen Zeiten einen Verband braucht, der ihre Interessen bündelt und sie bei der Politik in Berlin und auch international vertritt“, erklärt der Hauptgeschäftsführer.

Martin Kröger wurde früh mit dem maritimen Virus infiziert. „Mein Vater hat den VDR viele Jahre als Hauptgeschäftsführer geleitet und so wurde mein Interesse an der Schifffahrt früh geweckt.“ Es liegt mithin auf der Hand, dass er sich nach erfolgreichem Studium der Rechtswissenschaften auf das internationale Seerecht spezialisiert hat. Nach einigen Jahren im Bundesverband der Seehäfen wechselte er vor 14 Jahren zum Verband Deutscher Reeder, im April 2022 übernahm der gebürtige Hamburger den Posten als Hauptgeschäftsführer.

Seit Kröger für den Verband tätig ist, hat sich viel verändert. Exemplarisch dafür nennt er die Pandemie und den unmittelbar darauffolgenden Ukraine-Krieg. Unvorhersehbare und unberechenbare Ereignisse, die einen ganz neuen Fokus auf die Arbeit verlangen. Aktuell erfordert die Krisensituation an der Straße von Hor.mus größte Aufmerksamkeit von Kröger und seinen Mitarbeitern. Den Begriff „Zeitenwende“ des ehemaligen Kanzlers Olaf Scholz stuft er als absolut zutreffend ein, denn „besonders die Schifffahrt“ ist davon betroffen. „Seitdem ist das dominierende Thema bei den Reedereien Resilienz und die Vorbereitung auf Krisenlagen“, beschreibt er die Situation.

Um die Reedereien bei der Sicherheit für ihre Schiffe und vor allem die Seeleute zu unterstützen, steht der Verband im engen Austausch mit der Bundesregierung und setzt sich für eine international organisierte Schutzmission ein. Darüber hinaus hält der Verband ständig Kontakt zu seinen Mitgliedern. „Wir machen uns ein Bild, wie viele Schiffe im Krisengebiet sind, wie ihre konkrete Situation ist und wir stellen Kontakte zwischen Reedereien und der Marine her“, beschreibt er diesen Teil der Verbandsarbeit. Sicherheit im Sinne von Safety, also sicheres Management von Schiffen und Besatzungen spielt derzeit eine große Rolle.

Doch das ist nur ein Part, bei dem der VDR seinen Mit.gliedern zur Seite steht. „Regulierung, Bürokratismus, Steuerpolitik, Nachwuchsgewinnung oder Klimaschutz sind ebenfalls Themen, die für unsere Mitglieder eine extrem wichtige Rolle spielen. Damit die Reedereien nicht im Paragraphendickicht versinken, steht ihnen der Verband ebenfalls zur Seite. Martin Kröger sagt: „Wir bera.en die Reedereien und sind quasi die Übersetzer für viele Regelungen, die in der Schifffahrt erlassen werden.“

AUF DEM OLYMP ANGEKOMMEN
Lange Zeit hat Nico Fickinger Wirtschaft und Politik als Journalist begleitet. Inzwischen hat er die Seiten gewechselt und ist Chef des Verbandes Nordmetall.

Dr. Nico Fickinger wusste schon früh, welchen Beruf er ausüben wollte: „Ich wollte immer Journalist werden“, erzählt er in seinem Büro im Haus der Wirtschaft in der City Nord. Dieses Ziel hat er konsequent verfolgt – und erreicht. „Ich habe in der Pressestelle der Bundeswehr angefangen und während des Studiums als freier Mitarbeiter für Tageszeitungen gearbeitet. Nach einem Volontariat beim Süddeutschen Rundfunk folgte der Wechsel in die Wirtschaftsredaktion der FAZ.“ Sieben Jahre erledigte er Redaktionsarbeit, dann schickte ihn die FAZ als Parlamentskorrespondent nach Berlin. „Das war für mich der journalistische Olymp, weil man dort ganz dicht an der Schnittstelle von Politik, Wirtschaft und Verbänden ist“, sagt Fickinger.

In dieser Zeit verstärkte sich sein Interesse an der Tarifpolitik weiter. „Irgendwann wollte ich wissen, was hinter den Verhandlungstüren abläuft.“ Als der Arbeitgeberverband Gesamtmetall einen Geschäftsführer Kommunikation suchte, wagte Nico Fickinger den Schritt auf die andere Seite.

Heute ist der 61-Jährige Hauptgeschäftsführer von Nordmetall (seit 2014), dem Arbeitgeberverband der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie und vertritt – gemeinsam mit dem Schwesterverband AGV Nord – Unternehmen mit rund 170 000 Beschäftigten. Eine Hauptaufgabe des Verbandes sieht er neben der Beratung und Unterstützung der Mitglieder in arbeitsrechtlichen und bildungspolitischen Fragen darin, deren Interessen zu bündeln und ihr Sprachrohr gegenüber Politik und Medien zu sein. Das Ziel: Wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen. Ebenso wichtig sei aber, als Tarifpartner die Arbeitswelt fair zu gestalten und so der gesellschaftlichen Spaltung und der politischen Einmischung entgegenzuwirken.

Bei Gesprächen mit den Mitgliedern nimmt der Verbandschef eine spürbare Unzufriedenheit gegenüber der Politik wahr. „Der Verdruss ist groß, weil eine schonungslose Lagebeschreibung, eine glaubwürdige Reformerzählung und eine konsistente ordnungspolitische Linie fehlen. Oft werden Dinge nicht zu Ende gedacht oder Maßnahmen verwässert.“ Der Nordmetall-Hauptgeschäftsführer hat einen pragmatischen Lösungsvorschlag parat. „Die Politik sollte uns als Fachleute stärker einbinden und begreifen, dass wir alle das gleiche Ziel haben – wirtschaftlich an die Weltspitze zurückzukehren, Wachstum und Investitionen in Deutschland zu fördern und Populismus zurückzudrängen. Das geht aber nur, wenn alle Beteiligten den Ernst der Lage erkennen und gemeinsam danach handeln.“

„UNSERE BEDEUTUNG WAR SELTEN GRÖSSER“
Prof. Dr. Sebastian Jürgens, 62, ist Präsident des Zentralverbands der deutschen Seehafenbetriebe und Geschäftsführer der Lübecker Hafen-Gesellschaft.

Prof. Dr. Sebastian Jürgens über …

… die Aufgaben von Verbänden und speziell seines Verbandes
Verbände sind das Sprachrohr einer Branche. Konkret manifestiert sich das in drei zentralen Aufgabenfeldern. Erstens: Information und Rückkoppelung nach innen. Wir halten als ZDS in Berlin und Brüssel Augen und Ohren offen, wenn es um die Belange der Hafenwirtschaft geht. In dieser Hinsicht sind wir Dienstleister für unsere Mitgliedsunternehmen. Gleichzeitig greifen wir Themen aus der Mitgliedschaft auf und bringen sie in den politischen Diskurs ein. Zweitens: Politische Interessenvertretung. Wir formulieren die Anliegen der Hafenwirtschaft und suchen den Dialog mit politischen Entscheidungsträgern. Drittens: Stimme der Seehäfen in der Öfentlichkeit. Wir sorgen dafür, dass die Bedeutung der Seehäfen für Handel, Energieversorgung und Sicherheit öfentlich wahrgenommen wird. Das gilt für die Politik, Medien und gesellschaftliche Debatten.

… die Wertigkeit des ZDS in der aktuellen Situation
Die Bedeutung war selten größer als heute. In Zeiten von Energiekrisen, geopolitischen Spannungen und wachsendem Sicherheitsbedarf sind Seehäfen Teil der strategischen Grundausstattung unseres Landes. Der ZDS ist Branchenvertreter und Stimme einer systemrelevanten Infrastruktur. Umso wichtiger ist es, dass wir uns gerade jetzt Gehör verschafen – insbesondere in Berlin.

… den Stellenwert von Lobbyarbeit in digitalen Zeiten
Eine spannende und wichtige Frage, denn hier ist vieles im Wandel, sowohl in der Ansprache als auch in den Formaten. Gleichzeitig zeigt sich gerade in Zeiten digitaler Informationsfut, wie wichtig persönliche Kontakte und belastbare Vertrauensverhältnisse sind. Ich würde sogar sagen: Die Bedeutung des direkten Austauschs hat in den vergangenen Jahren eher zugenommen.

… die Einfussnahme auf politische Entscheidungen
Wir sind ein wichtiger Gesprächspartner für Politik und Verwaltung auf Bundes- und Länderebene. Einfuss entsteht durch Expertise, Geschlossenheit und die Relevanz unserer Themen. Entscheidungen trift die Politik, aber wir liefern die fundierten Grundlagen dafür.

DER GESTALTER
Philipp Murmann ist Chef des UVNord. Der Wirtschaftsund sozialpolitische Spitzenverband vertritt Arbeitgeber gegenüber Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit.

Als Außenstehender würde man sagen, in dieser Familie dominiert das Leader-Gen: Dr. Philipp Murmann, 61, Geschäftsführender Gesellschafter der Zöllner Holding GmbH in Kiel, hatte einen Onkel, der war Arbeitgeber-Präsident, ein anderer war Vorsitzender des Wirtschaftsrats der CDU, ein Cousin ist Verleger und seine Cousine Ulrike Hauptpastorin und Pröbstin. Diesen Teil seiner Ursprungsgeschichte beurteilt Murmann so: „Wir mögen es, uns einzubringen und zu gestalten – wenn auch in unterschiedlichen Feldern.“

Zu diskutieren, das kennt der Diplom-Ingenieur und Oberleutnant der Reserve von Zuhause, wo sich der Vater mit dem Onkel viel über Politik austauschte. Deshalb war früh klar, dass auch bei ihm politisches Engagement neben dem Job ganz oben auf der Agenda stehen würde. Nach diversen Funktionen im Bundestag für die CDU ist Murmann inzwischen Präsident der Vereinigung der Unternehmensverbände in Hamburg und Schleswig-Holstein, wo der UVNord die Interessen von 116 Mitgliedsverbänden mit 106 000 Unternehmen und mehr als 1,9 Millionen Beschäftigten vertritt.

„Nach drei Jahren Rezession leidet die Wirtschaft hierzulande in lange Zeit nicht dagewesener Härte“, analysiert Murmann. Seine Idee von Einfussnahme: „Wir vom UVNord verstehen uns als Know-how-Geber. Unsere Argumente sind gerade in schwierigen Zeiten immens wichtig.“ Deshalb pfegt der Verband auch zu den Gewerkschaften, Kommunen sowie den Spitzenorganisationen der freien Wohlfahrtsverbände intensive Beziehungen: „Wir stimmen uns miteinander ab, damit wir ein gemeinsames Lösungs-Bild erzeugen.“ Bei aller Bereitschaft zu einer positiven Einstellung legt er auch den Finger in die Wunde. „Ein gemeinsames Bild hängt von den handelnden Personen ab“, sagt er. „Wenn die nicht als kompetent angesehen werden, und das ist derzeit in Teilen der Politik so, dann wenden sich die Menschen von der Demokratie ab.“ Deshalb sei der der Blick über den Tellerrand hinweg wichtiger denn je. „In kaum einem Land der Welt wird so wenig gearbeitet wie bei uns. Nicht nur in Korea, den USA und in Asien ist die Zahl der Wochenarbeitsstunden höher als bei uns.“ Zwar sei das deutsche Wohlstandslevel noch hoch. „Aber wer immer mehr Freizeit bei gleicher Bezahlung fordert, spielt die Seiten gegeneinander aus.“

Und weil Zukunft Lösungen braucht, hat er eine Idee: „Eine Stunde Mehrarbeit pro Woche tut kaum jemandem weh. Und wir müssen die Produktivität erhöhen. Das braucht die Wirtschaft dringend.“

MANN DER KLAREN WORTE
Bernd Aufderheide ist Verbandschef des Hotel- und Gastronomiegewerbes Dehoga. Der frühere Messechef punktet mit einem großen Netzwerk.

Die Worte, die Bernd Aufderheide ins Gespräch streut, sind ausdrucksstark: Brennglas. Druckbetankung. Alkoholversorgungsmaschine. Dauerbrenner. „Als ich vor einem Jahr meinen Job antrat“, sagt der Dehoga-Präsident, „ahnte ich nicht, dass diese Themen nicht nur total spannend sein würden, sondern auch viel größer als gedacht.“ Unter dem Brennglas sichtbar sozusagen.

Sein Arbeitsgebiet kennenlernen musste der neue Verbandschef des Hotel- und Gastronomiegewerbes „unter Druckbetankung“, also schnell. Themen wie unfexible Arbeitszeiten, Bürokratie oder geringe Akzeptanz der Branche sind nicht nur ein Diskussions-Dauerbrenner, sondern echte Probleme für die Betriebe – wie seit einiger Zeit auch die vielen Kioske in der Stadt, laut Aufderheide „reine Alkoholversorgungsmaschinen“. Sie gehören nicht zum Gaststättengewerbe, sondern sind dem Einzelhandel zugeordnet. „Deshalb verschärfen sie die Lage noch einmal“, sagt er. „Immer mehr Betriebe müssen aufgeben. 115 hatten wir zuletzt in der Gastronomiebranche.“

Dass er klare Wort mag, ist kein Geheimnis. Zwei Jahrzehnte lang lenkte Bernd Aufderheide die Geschicke der Hamburger Messe. Er machte sie groß und erwarb sich hohes Ansehen auch wegen seiner perfekten Vernetzung. 2025 verabschiedete er sich in den Ruhestand, aber als er gefragt wurde, ob er sich das Ehrenamt beim Deutschen Hotel- und Gaststättenverband zutraue, zögerte er keine Sekunde. Etwa 1300 Mitglieder gehören in Hamburg zur Dehoga, bundesweit sind es 65.000 Unternehmen. Die Mitgliedschaft ist freiwillig, Rechtsschutz und Rabatte inklusive.

Mit dem Senat verbindet ihn ein enges Verhältnis auf Augenhöhe: „Das macht so manche Lösung einfacher.“ Beispielsweise die zuletzt geforderte Senkung der Mehrwertsteuer. Hamburg war dagegen, aber nach intensiven Gesprächen enthielt sich die Stadt bei der bundesweiten Abstimmung der Stimme. Nun sind es wieder nur sieben statt 19 Prozent, die auf Speisen und Getränke erhoben werden.

Fünf Jahre dauert seine Amtszeit, an Aufgaben mangelt es nicht. Das Image der Servicebranche muss verbessert, die Ausbildung attraktiver werden. Mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit, Immobilienentwickler ins Boot holen, Digitalisierung, und, und, und. Gemeinsamkeit ist ihm wichtig: „Ich mache das nicht für mich und den Briefkopf.“ Es ist immer die Lösung, die ihn reizt.

FITMACHEN FÜR DIE ZUKUNFT
Das Luftfahrt-Cluster Hamburg Aviation bringt Forschung, Wirtschaft und Politik zusammen. Eine der wichtigsten Aufgaben: Nachwuchs zu fnden.

Ralf Gust kann sich ein Leben ohne Flugzeuge kaum vorstellen. „Ich bin seit 49 Jahren in der Branche tätig, habe 1977 mit einer Ausbildung zum Metallfugzeugbauer bei VFW Fokker in Bremen begonnen und nach dem Abschluss Flugzeugbau studiert“, erinnert er sich. Ab 1996 übernahm er in Bremen erstmals Managementaufgaben und die Leitung eines Ingenieurbüros mit 60 Mitarbeitern, das u.a. auch für Airbus in Hamburg arbeitete. „Zwei Jahre später ging es auf Finkenwerder richtig los, die Entwicklung von A380 und A400 waren Megatreiber.“

Dass er vor vier Jahren aus dem Engineering-Beruf ausgestiegen und bei Hamburg Aviation eingestiegen ist, war für den 65-Jährigen der folgerichtige Schritt, um seine Expertise an anderer Stelle einzubringen. Hamburg Aviation ist ein Industriecluster. Es unterscheidet sich von einem Verband dadurch, dass es neben Unternehmen auch Forschung, Wissenschaft und Politik zusammenbringt, um den Luftfahrtstandort in der Metropolregion zu stärken und zu sichern. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Unterstützung der Branche beim Wandel in eine umweltfreundliche Zukunft.

„Wir sehen uns als Botschafter der Luftfahrtindustrie in der Metropolregion Hamburg – international, national, regional.“ Die Hansestadt ist der drittgrößte zivile Luftfahrtstandort mit knapp 50 000 Beschäftigten. „Luftfahrt ist ein globales Geschäft. Wir sind weltweit unterwegs, um uns in anderen Ländern zu informieren und Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu fnden.“

Für den Geschäftsführer (seit September 2022) zählt die wirtschaftliche Förderung der Mitglieder zu den Kernthemen der Clusterarbeit. Um fnanzielle Mittel für neue Projekte zu generieren, ist auch der kurze Draht zum Hamburger Rathaus von Vorteil. „Die Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsbehörde ist sehr eng. Auch Bürgermeister Tschentscher setzt sich bei jeder Gelegenheit sehr für den Luftfahrtstandort Hamburg ein. „Für mich ist er unser oberster Vertriebler.“

Neben vielen Projekten ist die größte Herausforderung für Ralf Gust das Fitmachen für die Zukunft. Fachkräfte in handwerklichen Berufen auszubilden, wird künftig die vordringlichste Aufgabe sein. „Ein Anfang sind die Zukunftsfliegerkästen. Ein Projekt, das wir seit zwei Jahren in Hamburg am Start haben.“ Dabei können Kinder von der dritten bis zur sechsten Klasse in einfachen physikalischen Experimenten erfahren, wie das Fliegen funktioniert.

Die Vision von Ralf Gust: „Wenn wir das Interesse einiger Kinder für die Luftfahrt gewinnen, sind wir schon einen Schritt weiter – denn wer die Zukunft gestalten will, muss heute schon an den Nachwuchs denken, um bei der Entwicklung zukünftiger Flugzeuge dabei zu sein“.

KÄMPFERIN FÜR GUTES BROT UND BRÖTCHEN
Als Obermeisterin der Bäckerinnung kämpft Katharina Daube gegen steigende Rohstoffkosten, Bürokratie und Billigketten, die Preise und Qualität verderben.

Wer mit der Obermeisterin der Hamburger Bäcker-Innung über ihren Beruf sprechen möchte, hat ja so seine Vorstellung: Aufstehen um Mitternacht, Teig kneten und backen die ganze Nacht hindurch, früh morgens Feierabend und schlafen, wenn andere den Tag genießen. Aber nichts von dem trift zu. „Die Backstube ist überhaupt nicht meine Welt“, sagt Katharina Daube. Und dennoch ist sie zum einen – zusammen mit ihrem Mann Frank – Chefn einer Bäckerei mit 62 Angestellten, zum anderen eben Obermeisterin, sprich Vorstandvorsitzende, der Berufsvertretung der Bäcker. Wie geht das zusammen?

„Ganz einfach“, sagt Daube. Wer in der Bäckerbranche arbeiten will, muss sich für einen Zweig entscheiden: Backen oder verkaufen. Und Katharina Daube wollte von Anfang an den Kontakt mit ihren Kunden. Das war schon in der Lehre zur Hotelfachfrau so. Und niemand soll glauben, ihre Tage seien nicht ausgefüllt. Zwischen sechs und sieben morgens sei sie im Betrieb, den sie selten vor 17 oder 18 Uhr wieder verlasse. Personalwesen, Dienstpläne, Buchhaltung, Wareneinkauf und neben all dem die Arbeit für den Verband, die gerade sehr herausfordernd sei.

Denn die Probleme der Bäcker sind selten größer gewesen als jetzt. Kein Zufall, dass jedes Jahr Bäckereien für immer schließen, meist die guten. 25 Betriebe sind noch Mitglied in der Innung. Was die Backbranche umtreibt, sind fünf große Probleme, aber die haben es in sich.

Da wären, erstens, die Rohstoffkosten. Sie steigen, nur sehen die Menschen das beim Bäcker nicht so deutlich wie beim Benzin an der Zapfsäule. Und nebenbei bemerkt: Auch für die Bäcker sind es nicht allein die Preise für Mehl, Milch, Kakao, Zucker oder Eier, sondern eben auch der Kraftstof für Auslieferfahrzeuge. Dann, zweitens: die Work-Life-Balance. „Junge Leute sind heute nicht mehr bereit, ihren Lebensrhythmus für den Beruf umzustellen“, sagt Daube. Nachts um halb eins anfangen, Feierabend um sechs Uhr. Wer will das schon? Die Folge: Personalmangel. Gerade hat die Bäckerinnung eine Personaloffensive in Marokko gestartet. Daubes Tochter Hanna war vor Ort und hat drei neue Mitarbeiter mitgebracht. Drittens: Der Mindestlohn. „Ist ja völlig okay“, sagt Daube, „aber wenn ich neuen Mitarbeitern Mindestlohn zahlen muss, müssen wir ja auch die Bezüge der Leute erhöhen, die über dem Mindestlohn liegen.“ Viertens: die Bürokratie. „Wahnsinn“, sagt die Obermeisterin. Gerade musste sie nachweisen, wie ihr Betrieb im Kriegsfall produzieren würde. Und last not least, fünftens: die Konkurrenz der Billigketten, die Preise und Qualität verderben; das ist das Schlimmste.

Dennoch bereite ihr die Aufgabe Spaß, sich für die Branche einzusetzen. Seit Jahren gehört sie zum Führungskreis der Innung. Im Herbst sind Neuwahlen, sie will weitermachen. Und dafür kämpfen, dass es weiterhin gute Brötchen und gutes Brot gibt. „Die Menschen, die zu uns in die Läden kommen, sagen: ,Wir kaufen so gern bei Ihnen‘“, erzählt Daube, „das darf nicht sterben.“

TEXTE: Andreas Eckhoff, Martina Goy, Achim Schneider   FOTOS: FABIJAN VUKSIC, ARCHIV