Hippe Wochenmarktbesucher, Junggebliebene, die online shoppen, aber auch Kaufzurückhaltung, Leerstände und eine allgemeine Verunsicherung kennzeichnen derzeit den HANDEL. Was bedeutet diese Gemengelage für Kunden und Verkäufer? Eine Analyse.

WOCHENMÄRKTE
Attraktion bei Touristen und jungen Leuten: der Isemarkt in Harvestehude

Eigentlich stehen sie mit ihrem Angebot gegen den Trend. Weniger bis gar kein Fleisch essen ist bei der Generation Z gerade ziemlich angesagt. Aber seit „Daner’s – Beef & Bread“ mit ihrem Verkaufswagen auf dem Isemarkt stehen, bilden sich davor lange Schlangen. Überwiegend junge Kunden stehen an, um das laut der Social-Media-Plattformen TikTok und Instagram beste Street Food Hamburgs zu kaufen. Verlockend ist für die Gaming-Generation zudem die Möglichkeit, vor Ort zu zocken. Wem es gelingt, den am Wagen angebrachten Timer punktgenau auf zehn Sekunden zu drücken, der bekommt sein Essen kostenfrei.

Der Hype auf Social Media um das Fleischbrötchen mit besten Zutaten beschert Hamburgs populärstem Wochenmarkt gerade eine dringend notwendige Verjüngungskur beim kaufinteressierten Publikum. Hingehen, wo man gesehen wird; mitreden können, worüber alle reden, das gehört zur Motivation der Gen Z, wenn sie, anders als erwartet, traditionelle Wochenmärkte besucht. Das Startup der Gründer Fabian Hilbert, 32, und Nick Lehmann, 33, auf dem Isemarkt ist auch deshalb erfolgreich, weil es nicht nur eine neue Klientel bedient, sondern auch, weil es sich als regional und nachhaltig vermarktet – also genau das, was vor allem bei der jungen, urbanen Zielgruppe gut ankommt und gelebt wird.

Miriam Sewalski, die neue City-Managerin und Nachfolgerin von Brigitte Allkemper, bestätigt diese Entwicklung. „Die Einteilung in Jung und Alt greift heute viel zu kurz“, sagt sie. „Ältere Menschen leben aktiver, digitaler und jünger als früher. Und viele Jüngere schätzen wieder Werte wie Qualität, Service oder Handwerkskunst, die früher als klassisch galten.“

Dennoch ist die Situation der Hamburger Wochenmärkte in Teilen kritisch. Denn vor Ort einkaufen, wo Händler aus der Umgebung ihre Waren anbieten, ist zwar nachhaltig und regional, aber zumeist auch teurer als im Supermarkt oder beim Discounter. Und das können sich viele Menschen auch in der wohlhabenden Stadt Hamburg nicht mehr so einfach leisten. Als Folge der abnehmenden Kaufkraft schließen mittlerweile
Wochenmärkte ganz. Auch viele Händler geben auf, weil sich der Betrieb nicht mehr rechnet oder weil ihnen ein Nachfolger fehlt. Morgens um drei oder vier Uhr aufstehen, um auf dem Großmarkt einzukaufen, das Auf- und Abbauen der Stände, Bürokratie und mangelnde Wirtschaftlichkeit – das alles bietet längst kein attraktives Berufsbild mehr.

Im Herbst dieses Jahres wies die Plattform Hamburg.de noch 64 Wochenmärkte aus, 2019 waren es noch 80. „Wenn ein Wochenmarkt an bestimmten Tagen von den Kunden nicht mehr angenommen wird, muss er sich auf die stark frequentierten Tage konzentrieren“, sagt Heiner Schote, Handelsexperte der Handels- kammer Hamburg. „Das sind vor allem der Freitag und Samstag. Außerdem müssen die Wochenmarkthändler überlegen, ob sie später starten und am nachmittag länger öffnen, weil dann mehr Menschen unterwegs sind.“

INNENSTADT, HAFENCITY, QUARTIERE
Summer in the City: Mit diesem Gefühl lockt die Mönckebergstraße (ohne Baustellen) viele Besucher zum Bummeln und Geldausgeben an.

Aber auch in der Innenstadt, der Hafencity und in anderen Quartieren ist die Konsumstimmung eingetrübt. Geopolitische Unruhen, Kriege mit instabilen Lieferketten als Folge, sowie Abgrenzungstendenzen von der EU machen Käufern und Händlern gleichermaßen Sorgen. Der stationäre Einzelhan-del, jahrzehntelang Garant für gute Umsätze, ist in den Strudel einer allgemeinen Verunsicherung geraten. „Wir erleben das vierte Jahr in Folge Stagnation“, sagt Andreas Bartmann, Präsident des Einzelhandels Nord und als Geschäftsführer der Outdoor-Kette Globetrotter ein Urgestein des Handels. Seine Einschätzung für die Zukunft: „Wir müssen uns ändern, viel in Frage stellen, wirtschaftlich effektiver werden.“ Er sei als Händler groß geworden mit der Philosophie „Wer nicht wächst, ist kein guter Unternehmer“. Die große Frage heute sei: „Wie gehe ich künftig mit der Ressource Wachstum um? Welche neuen Geschäftsmodelle muss und kann es geben, um den Handel attraktiver zu machen?“

Schnelle Antworten auf diese Fragen gibt es nicht. Stadtentwicklungssenatorin Karen Pein (SPD) ist dennoch zuversichtlich, was die Zukunftsaussichten Hamburgs betrifft. Die Innenstadt boome und sei laut einer Untersuchung der CIMA Beratung + Management GmbH zusammen mit München die beliebteste Innenstadt Deutschlands. „Trotzdem muss sich vor allem das Zentrum den neuen Dynamiken und Herausforderungen anpassen, um auch im internationalen Vergleich konkurrenzfähig zu bleiben“, sagt sie. Grundlage hierfür sei das bis 2040 reichede neue „Zukunftsbild Innenstadt“. Das bereits 2014 konzipierte Konzept stellt bis heute den Rahmen für dieses Engagement dar. 2019/2020 wurde es aktualisiert.

Die Umgestaltungspläne mit langen Bauphasen sind allerdings problematisch. In der City, Hamburg-Magnet für rund 100 Millionen Touristen jährlich, ist das Wegfallen von Kaufhäusern wie Galeria Kaufhof und Karstadt sowie bekannter Marken wie Esprit und Co. auffällig. So mancher Tourist verlagert deshalb seine Besuchstour eher an die Alster und die umliegenden Quartiere. Und weil zu den Leerständen zahlreiche Baustellen die Stimmung beim Einkaufsbummel trüben, bröckelt sogar auf der Shoppingmeile Mönckebergstraße und am Neuen Wall, Synonym für Luxusläden, so langsam die Kundschaft weg.

Handelsexperte Schote sieht die Veränderungen dennoch überwiegend positiv. „Eine Stadt wie Hamburg, die investiert, macht das für ihre Bürger“, sagt er. „Allerdings gehören auch Baustellen dazu.“ Und davon werde es vermutlich in der Zukunft noch viel mehr geben. Die Umgestaltung der Mönckebergstraße beispielsweise sei noch lange nicht abgeschlossen. Darüber werde zwar geklagt, aber er höre auch viel Positives von den Händlern aus der Innenstadt. „Wenn man genauer nachfragt, dann freuen sich viele Unternehmer über ihre treuen Kunden, die weiter bei ihnen einkaufen, oft auch online. Bei vielen laufen die Geschäfte gar nicht so schlecht, sagt Schote. „Wenn man ehrlich ist, gibt es in Hamburg auch viele Menschen, die sich etwas leisten können.“

Aber in vielen Quartieren schließen immer mehr kleine Ladengeschäfte, die oft ihre hohen Mieten nicht mehr erwirtschaften können. Oder, wie die seit mehr als 100 Jahren bei den Kunden beliebte Heidefleischerei Dehning, melden Insolvenz an. Sinkender Fleischkonsum, höhere Lohnkosten sowie die Billigkonkurrenz der Discounter sind für Dehning-Geschäftsführer Rolf-Dieter Müller die Gründe für das Ende. „Sicher, es hat schon immer Krisen in der Branche gegeben“, sagt er. „Aber das Kaufverhalten hat sich immer wieder eingependelt. Nach Corona ist das bei uns nicht geschehen.“ Die Pandemie als Krisenverschärfer.

Selbst das gerade neu eröffnete Westfield Shoppingcenter sorgt noch nicht für den gewünschten belebenden Effekt, den sich die Branche erhofft. Zwar blieb der von den Händlern in der Innenstadt befürchtete Wegfluss des Umsatzes Richtung HafenCity bislang aus. „Auswertungen von Mobilfunkdaten haben gezeigt, dass die Innenstadt mit Mönckebergstraße, Jungfernstieg und Europapassage nicht unter dem Mega-Einkaufszentrum gelitten haben“, sagt Innenstadtkoordinatorin Elke Pahl-Weber. Insgesamt bezifferte sie die Zahl der Besucher der Beschäftigten in der Innenstadt auf rund 18 Millionen im Jahr. Aber mit solchen Zahlen kann das Westfield Hamburg-Überseequartier noch nicht konkurrieren.

Zwar ist das Publikum jünger und internationaler als anderswo, ein immersives Museum für Kunst wie das Port de Lumières, das Kinopolis sowie ein vielfältiges Gastro-Angebot erweitern die Qualität der Besucheraufenthalte in dem Konsumtempel. Doch Experten mahnen, dass das schon vor Jahren auf der „grünen Wiese“ geplante Center mit seinen vielen auch internationalen Ketten zwar grundsätzlich modern. aber der Mix zwischen kleinen und großen Anbietern, auch hier kaum zu erkennen sei. Die Gründe dafür sind einleuchtend. Dank ihrer Größe und Marktposition können Ketten gestiegene Personalkosten, aber auch Sorgen um den Nachwuchs besser auffangen.

Dramatischer ist die Umsatzentwicklung nach unten für die Händler eher in den Stadtteilen, in denen die die Finanzierung des täglichen Lebens immer schwieriger wird. Dort ist die allgemeine Verunsicherung und Kaufzurückhaltung besonders spürbar. Anschaffungen wie ein neues Auto oder ein moderner Fernseher werden zurückgestellt, der Urlaub verkürzt und verbilligt, Kosten für Kulturerlebnisse stehen ganz unten auf der Liste der Ausgaben.

GAMECHANGER ONLINEHANDEL
Online bequem am Bildschirm bestellen und nach Hause liefern lassen: beim Einkaufen hat dem stationären Handel in der Vergangenheit stark Dieser Mentalitätswandel zugesetzt.

Der Hauptgrund, warum der stationäre Handel nicht mehr so funktioniert wie früher, ist die Revolution durch den Onlinehandel. Im Geschäft angucken und dann im Internet bequem bestellen – diese neue Mentalität hat dem stationären Handel enorm zugesetzt. Längst ist es zur Freizeitbeschäftigung Nummer eins geworden, das fast unendliche Warenangebot aus aller Welt bequem vom Sofa aus zu bestellen. Frischer Lachs aus Kanada, direkt geordert beim Erzeuger – kein Problem. Für 39 Euro kann man sich beispielsweise über die Plattform Of Markt Spezialitäten aus Asien, Amerika, Russland, Türkei, Moldawien, Polen und vielen weiteren Ländern schicken lassen. Und wer sich das neu- este Partykleid nicht leisten kann, der bestellt sich eins im Internet, hat Spaß damit und schickt die Ware später einfach „gebraucht“ zurück. Schöne neue Einkaufswelt.

Die Globalisierung des Konsums hat alle Bevölkerungsschichten erreicht. 2023 errechnete der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland, dass die Verbraucher hierzulande knapp 80 Milliarden Euro für Waren und Dienstleistungen im Internet ausgegeben haben. Dabei ist bemerkenswert, dass viele Unternehmen längst zweigleisig fahren und alle Vertriebskanäle bespielen. City-Managerin Sewalski, zuvor Geschäftsführerin des Onlineportals Avocadostore, hat auch aufgrund ihrer beruflichen Herkunft eine positive Sicht auf diese Entwicklung. „Neue Impulse entstehen oft digital“, sagt sie. „Läden werden sichtbar, weil sie auf Social Media viral gehen. Aus meiner früheren Tätigkeit als Geschäftsfürerin eines Online-Marktplatzes weiß ich: Erfolg im Handel entsteht nicht aus einem Entweder-oder, sondern aus einem Sowohl-als-auch. Online und stationär müssen sich gegenseitig ergänzen.“

Das sieht der jahrzehntelange Branchenbeobachter Andreas Bartmann zwar ebenso. Aber er ist längst einen Schritt weiter in der Analyse. Für ihn ist die Konkurrenz durch den Onlinehandel gar nicht mehr das Hauptproblem. „Natürlich ist es immer noch so, dass bei Preisvorteilen im Internet bestellt wird“, sagt er. „Doch wir sehen auch, dass die Menschen ja grundsätzlich da sind und einkaufen wollen. Wir müssen ihnen nun die Bühne bieten, dass sie zu uns kommen. Formate, die Erlebnis und Einkauf verbinden, sind deshalb mehr denn je in der Zukunft gefragt. „Wenn Handel, Gastronomie, Kultur und öffentliche Räume gemeinsam Akzente setzen, entsteht ein Stadterlebnis, das Menschen anzieht und zum Verweilen einlädt“, prophezeit Sewalski. „Davon profitiert am Ende auch der Handel. Diese Verbindung von Aufenthaltsqualität und wirtschaftlicher Stärke ist für mich der Schlüssel, um die Kaufzurückhaltung schrittweise zu überwinden.“

BUSINESS IMPROVEMENT DISTRICT
Der Neue Wall war das erste BID in Hamburg. Die Luxus-Einkaufsmeile wurde u.a. mit Sitzmöbeln und vielen Blumenkübeln umgestaltet und verschönert.

Eine besonders in Hamburg auffällige Qualitätssteigerung sind die Business Improvement Districts, kurz BID genannt. Gemeint sind Geschäftsgebiete, in denen in Eigenregie ansässige Grundeigentümer Maßnahmen zur Aufwertung vornehmen. 43 BIDs wurden bisher gegründet, zu finden sind sie hauptsächlich in der City, aber auch in Niendorf und in Bergedorf. „Eigentümer sagen, wir wollen, dass unsere Straße schöner wird“, sagt Schote. „Und dann machen sie es selbst.“

Zu sehen ist das beispielsweise am Neuen Wall, dem ersten BID Hamburgs, mit seinen hellen Granitsteinen, Straßenmöbeln, Fahrradbügeln und 160 Pflanzenkübeln, aber eben auch im Tibarg in Niendorf, wo eine Brunnenanlage und Spielmöglichkeiten für Kinder geschaffen wurden. Inzwischen ist Hamburg imit seinem Engagement in Europa führend. Auch das vielleicht ein Indiz dafür, dass der Handel im Wandel in der Hansestadt einen positiven Verlauf nimmt.

TEXT: Martina Goy   FOTOS: FABIJAN VUKSIC, ANDREAS LAIBLE, DANER‘S, THEHAGUE – ISTOCKPHOTO.COM, URW/ROCK & STARS, RIDOFRANZ – ISTOCKPHOTO.COM, ZUM FELDE GMBH, BID NEUER WALL, ARCHIV