KURT LEONARDS ist seit 1987 bei der Bundeswehr. Seit 2024 ist er Kommandeur Kapitän zur See vom Landeskommando Hamburg. Im Club spricht er über die sicherheitspolitische Lage und die Aufgaben der Bundeswehr in der Zukunft.

Kurt Leonards hat eine lange Karriere und viele Stationen bei der Bundeswehr hinter sich. Im November 2024 ist der 56-Jährige ganz oben angekommen. Er leitet als Kommandeur Kapitän zu See das Landeskommando Hamburg, das als Bindeglied zwischen der Bundeswehr und der Hansestadt Hamburg zuständig für die zivilmilitärische Zusammenarbeit ist.

Die sich rasant verändernde Sicherheitslage wirft viele Fragen auf, und wer kann die besser beantworten als ein hochrangiger Militärexperte wie Kurt Leonards? Schon mit seinen einführenden Worten führte er den Besuchern den Ernst der Situation angesichts globaler Krisenherde und steigender Spannungen vor Augen. „Ich möchte mit ihnen über die sicherheitspolitische Lage und die Aufgaben der Bundeswehr, die wir in Zukunft sehen, sprechen.“ Seinen Vortrag versah Kurt Leonards mit der – durchaus beängstigenden – Überschrift: „Deutschland nicht im Krieg, aber eben auch nicht im Frieden.“

Leonards erklärt, dass das Militär bei der sicherheits- politischen Lage in drei Richtungen blickt – Amerika, China und Russland. „Die USA konzentrieren sich seit der Amtszeit von Barack Obama auf Asien. Sie sagen: Liebe Europäer, ihr müsst eure Probleme selbst lösen, wir werden genug mit China zu tun haben. Und dieses China sorgt dafür, dass der Pazifik ein immer wichtigeres Thema wird“, sagt der Kommandeur. Bei Russland, das seit fast vier Jahren im Krieg mit der Ukraine ist, beobachten die Militärs, dass das Land bereits seit vielen Jahren auf eine Kriegswirtschaft umgestellt hat.“ Besonders bedrohlich sei die Feststellung, dass „50 Prozent der Kriegsproduk- te für den Krieg bestimmt sind, während die anderen 50 Prozent in Depots gelagert werden“.

Für die verantwortlichen der Bundeswehr lässt das nur einen Schluss zu: „Diese Depots mit Munition, Panzer, Waffen, Artillerie, Drohnen und so weiter wachsen immer weiter an, und wir müssen uns darauf einstellen, dass Russland die NATO testen wird. Denn ab dem Jah- re 2029 sind die Depots so gefüllt, dass Russland schauen kann, was passiert, wenn sie ein NATO-Land angreifen.“

Dann fragt Kurt Leonards: „So, und warum leben wir nicht mehr in Frieden?“ „Weil eben seit einigen Jahren etwas passiert in Deutschland, ganz verstärkt im vergangenen Jahr“, sagt er. Die Gesellschaft wolle es nicht wahrhaben und „wir schauen alle vorbei“. Die Menschen hätten vergessen, dass es 2021 einen IT-Angriff auf den Bundestag gab und er vier Tage nicht handlungsfähig gewesen sei. Von Mai bis November 2024 gab es 16 hybride Attacken auf Deutschland – Paketbrände im DHL-Logistikzentrum Leipzig, Trinkwasserkontamination in Köln, einen Anschlagsversuch auf Rheinmetall, Brandanschlag auf eine Rüstungsfirma in Berlin usw. Das sei der Zustand, der die jetzige Zeit ausmacht. „Wegen dieser hybriden Attacken sagen wir, dass wir uns nicht mehr in dem Frieden befinden, der uns jahrzehntelang bekannt war.“

Um einen eventuellen Angriff zu verhindern, muss die NATO „mit Abschreckung antworten“. Die muss so überzeugend sein, dass die Gefahr des Scheiterns für Putin so groß ist, dass er nicht angreift. Und da kommt die Bundeswehr ins Spiel. „Bis 1990 war sie eine professionelle Verteidungsarmee, die dann aber zu einer Interventionsarmee für Krisen- und Konfliktmanagement (Stichwort Afghanistan, Mali) umgebaut wurde. Jetzt müssen wir aus dieser Krisen- und Interventionsarmee wieder eine Verteidigungsarmee machen.“ Das sei ein hartes Stück Arbeit und er nannte einige Zahlen, warum das so ist. Vor 1990 hatte die Marine beispielsweise 190 Schiffe, 2025 sind es 43. Es gab 4800 Kampfpanzer, heute nur noch 312. Fazit Kurt Leonards: „Wir müssen jetzt damit beginnen, den Laden größer zu machen.“

Kommandeur Kurt Leonards erklärt den Gästen, dass die skandinavischen sowie die baltischen Länder in Sachen Resilienz erheblich weiter sind als Deutschland. Sein abschließender Appell: „Diese Resilienz kann man nur aufbauen, indem man sich vernetzt. Für das Bundesland Hamburg und die Hansestadt Hamburg bedeutet das, dass alle Behörden, alle Blaulichtorganisationen, aber auch alle Wirtschaftsunternehmen näher zusam- menrücken müssen, um zu schauen, wie sie sich gegenseitig ergänzen können.“

TEXT: ACHIM SCHNEIDER FOTOS: FABIJAN VUKSIC