Er ist erfolgreicher Tech-Unternehmer und gehört zum Gründungsteam der Show „Die Höhle der Löwen“. In club! spricht FRANK THELEN über Anforderungen an die Kandidaten, lukrative Investitionen und wie KI das Einkaufen verändert.

club!: Herr Thelen, Sie waren Gründungsmitglied der Show „Die Höhle der Löwen“, sind ausgestiegen und jetzt wieder dabei. Wie kommt’s?
FRANK THELEN: Die Höhle der Löwen ist eigentlich eine echt verrückte Gründungsgeschichte. Wir haben damals eine neue Show gemacht, bei der keiner wusste, ob sie funktioniert. Das war wie bei einem Start-up. Wir haben uns langsam ran gerobbt. Am Ende hat es sehr gut funktioniert. Dann habe ich mich immer mehr auf technologische Themen fokussiert, die ich unbedingt machen wollte – Satelliten, Roboter usw. Und wir haben an einem Krebsmedikament gearbeitet. Deswegen habe ich eine TV-Auszeit genommen, um mich nur mit Technologie zu befassen.

… und sind jetzt wieder rückfällig geworden. Warum?
THELEN: Genau. Judith Williams und Ralf Dümmel kamen auf mich zu und sagten: Hast du nicht Lust zurückzukommen? Wir glauben einfach, dass wir gemeinsam eine gute Dynamik entwickeln. Ich habe dann mit der neuen Produktionsfirma gesprochen und hatte ein gutes Gefühl. Schließlich sagte ich: Dann lasst uns das nochmal probieren.

Was war letztendlich der entscheidende Grund für Ihr Comeback?
THELEN: Am Ende des Tages war es die Freundschaft zu Judith und Ralf.

Oder hat Ihnen das Fernsehen gefehlt?
THELEN: Schon, das ist ja auch schön. Es ist diese „Magic of TV“. Du kommst morgens hin, lebst zwölf Stunden teilweise wie eine Familie zusammen. Es gibt bis zu acht Gründer, die dir an einem Tag komprimiert vorgestellt werden. Du musst Entscheidungen treffen, du investierst Geld in neue, spannende Gründer und Themen. Es ist ein sehr schönes Ambiente, alle sind gut gelaunt und sehen top aus. Da ist eine Menge Magie im Raum.

TV ist für viele Menschen kaum noch relevant. Sie tummeln sich lieber auf den Social-Media-Kanälen. Was macht dieses Format so erfolgreich, dass Millionen Zuschauer mit den Kandidaten fiebern?
THELEN: Es stimmt, viele Menschen schauen heute eher „On demand“. Doch warum gewinnen wir so häufig die Prime-Time? Ich glaube, es ist eine besondere Situation: Da ist jemand, der etwas machen will und es dafür auf den Punkt pitchen muss. Und da sind die Investoren, die entscheiden, ob sie ihr Geld investieren oder nicht. Bei der Höhle der Löwen entstehen echte Gründergeschichten und das begeistert die Leute. Am nächsten Tag steht es in jedem Supermarkt, es ist Thema in den Büros. Aber eins muss man deutlich sagen: Ganz wichtig ist auch die Kombination der Löwen. Man hat gesehen, dass es mit Influencern oder anderen nicht optimal funktioniert. Die Löwen müssen echte Unternehmer sein, die auch authentisch sind. Ich glaube, wir bilden mit Judith Williams, Ralf Dümmel und mir eine gute Kombination und das ist für den Erfolg der Sendung ebenfalls sehr wichtig.

Ist die Höhle der Löwen für Sie eher Show oder ernsthaftes Business?
THELEN: Ich bin bei der Sendung im absoluten Business-Tunnel. Natürlich ist man Mensch und man reflektiert auch, wenn ein persönliches Schicksal dahintersteht. Aber ich habe den Fokus auf das Business, auf den Pitch, auf die Zahlen. Egal, wer da menschlich, im Guten oder im Schlechten, vor mir steht.

Was erwarten Sie von den Kandidaten?
THELEN: Ich verlange, dass sie ihr Unternehmen kennen und dass sie sich perfekt vorbereitet haben. Was ich gar nicht mag, ist, wenn die Start-ups sich nicht mit den Löwen beschäftigt haben. Das zeigt mir, dass sie sich vorher auch nicht mit ihren Kunden oder dem Partner beschäftigen. Es kann nicht sein, wenn jemand sagt, ich nehme genauso gerne Dagmar Wöhrl wie Ralf Dümmel als Investor. Jeder von uns hat seine Stärken und Schwächen, aber ich finde es grausam, wenn sich die Leute damit vorher nicht auseinandergesetzt haben. Natürlich sollten die Kandidaten auch ihre Zahlen und ihren Wettbewerb kennen und sich andere Pitches angesehen haben, um nicht die gleichen Fehler zu machen, wie einige vor ihnen. Sie sollten sich so vorbereiten, wie ich es auch mache.

Es heißt, Sie seien das strengste Mitglied der Jury …
THELEN: … wahrscheinlich schon. Mir geht es um das Gründen und deswegen spreche ich in der Sendung wie im echten Leben, da gibt es keinen Filter – im Guten wie im Schlechten. Das hat natürlich Vor- und Nachteile und es gibt deswegen auch den einen oder anderen Aufschrei im Netz. Aber ich bin in der Show eben wie im echten Leben. Das geht vielleicht auch mal daneben, aber wahrscheinlich bin ich deshalb der Härteste in der Runde.

Wie sieht der perfekte Deal für Sie aus?
THELEN: Mein Traum ist immer ein breiteres Gründerteam. Also nicht nur ein Gründer, sondern ein gut aufgestelltes Team, bei dem sich die Kompetenzen ergänzen, um das Geschäft erfolgreich zu machen. Einer ist stark im Vertrieb, der andere kommt aus der Biochemie und macht das Produkt und so weiter. Dann investiere ich und bringe mit meinem Team den X-Faktor ein, sodass wir sehr schnell das Produkt auf das nächste Level bringen können, dass wir Talent in die Firma bringen und die Listings zum Beispiel bei den großen Retailern bekommen. Und dann muss man fairerweise sagen, dass wir, so die Gründer das auch wollen, das Unternehmen verkaufen. Das muss nicht kurzfristig sein, wenn ja, freue ich mich, aber zumindest langfristig muss das Unternehmen verkauft werden. Wir haben beispielsweise mit Ankerkraut, YFood und Little Lunch tolle Exits gehabt.

In unserem Titelthema dreht sich alles um das Thema Einkaufen. Wie kaufen Sie ein?
THELEN: Sehr, sehr, sehr verschieden. Zum einen sehr viel online. Viel mit Hilfe meiner Teams, die Dinge für mich kaufen. Ich lasse mich auch durch Social Media inspirieren und kaufe etwas auf Instagram, wenn eine Sache gut gemacht ist. Aber ich liebe es auch, mit meiner Frau samstags stundenlang durch großartige Innenstädte zu spazieren, von denen es leider zunehmend weniger gibt. Wir nehmen uns dann einige Stunden Zeit und entdecken wunderbare Dinge. Wir haben einfach eine tolle Zeit, und nachdem wir etwas Schönes gefunden haben, trinken wir ein Glas Champagner. Ich liebe hochwertiges Shoppen.

Hat sich das Shoppen verändert?
THELEN: Ja, total. Ich glaube, es gibt ein Sterben der Innenstädte. Das hat viele Faktoren. Die Leute machen ihre täglichen Einkäufe nicht mehr in den Geschäften, sondern sie erledigen das im Internet. Es gibt Läden (oftmals Markenläden), die eine Mischkalkulation haben und sagen: Wir erlauben uns diesen Store, damit der Kunde das Produkt erleben kann. Der Umsatz kommt aus dem Store, aber auch online. Ich will das Hemd anfassen, ich will die Schuhe anprobieren, ich will die Uhr anschauen und in die Hand nehmen. Deswegen glaube ich, dass wir in Zukunft den normalen Einzelhandel haben werden, aber auch immer mehr Stores, in denen ich die Markenwelt erlebe. Einkaufen ist auch eine kommunikative Geschichte. Beim Shoppen erfährt man Inspiration und genau das ist eine Chance für den Einzelhandel und für die Marken, wenn sie präsent sind. Den neuen Rimowa-Koffer zu entdecken oder ein paar Schuhe zu probieren, dieses Erlebnis sorgt für ein absolutes Glücksgefühl.

Aus Sicht des Tech-Investors: Ist die Zukunft des Einkaufens vornehmlich online oder können analoge und digitale Welten, sprich Geschäfte, Einkaufszentren, Pop-up-Stores und Onlineshops erfolgreich mit- und nebeneinander bestehen?
THELEN: Also ich denke, dass das lokale Shopping-Erlebnis zwar weniger, dafür aber hochwertiger wird, weil die Leute dann ganz gezielt in die Geschäfte und Shopping-Center gehen. Meine Vorhersage: Wir werden Dinge nicht mehr in der Masse in Geschäften einkaufen. Den Lebensmitteleinzelhandel wird es natürlich immer geben, denn es ist einfach teuer, das zu verschicken. Aber das klassische Shopping von Produkten wird weniger und hochwertiger werden.

Wie kaufen wir in 30 Jahren ein?
THELEN: Wir kommen gerade an einen Punkt, bei dem ich keine 30 Jahre nach vorne blicken kann. Weil sich die Dinge durch künstliche Intelligenz in Verbindung mit Robotern, VR, also Erlebniswelten, so schnell dramatisch verändern, dass ich vielleicht zehn Jahre nach vorne schauen kann, was schwierig genug ist. Es ist sehr wahrscheinlich, dass uns zum Beispiel Roboter und Drohnen alles nach Hause liefern werden und dann würde sich die Dynamik komplett ändern. Wir sind aber auch Menschen, und deswegen glaube ich, dass es immer einen Experience-Teil geben wird, bei dem wir eben nicht hocheffizient mit Drohnen alles bekommen, sondern wo wir das Erlebnis wollen, Inspiration wollen, Zeit wollen, um zu shoppen. Aber es kann auch eine Kombination sein. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich in einem Shop etwas finde, das mir passt und der Roboter es mir nach Hause bringt. Wir haben uns schon viele Deals dazu angesehen. Aber in Europa ist es schwierig wegen der Regulierung.

Mit Ihrem Unternehmen Freigeist Capital investieren Sie in technische Innovationen wie KI, die das Leben der Menschen vereinfachen und angenehmer machen sollen. Was macht den Blick in die Zukunft für Sie so reizvoll?
THELEN: Das begeistert mich. Wir erleben gerade eine Zeit, in der sich viele Bereiche unseres Lebens mit Hilfe von Technologieplattformen – ich habe das den Baukasten der Zukunft genannt – tiefgreifend verändern. Wir werden fliegende Autos erleben, wir werden sehen, wie wir mit VR in neue Welten eintauchen und dass KI unsere Produktivität steigert. Autos fahren sich selber und ich kann währenddessen darin arbeiten. Das kommt jetzt alles. Und deswegen bin ich total begeistert, jetzt leben zu dürfen.

KI ist gerade der große Hype …
THELEN: … das finde ich nicht. KI gibt es schon viel länger. Ich habe bereits vor 20 Jahren ein Unternehmen gegründet, dass KI-Grundlagenforschung betrieben hat. Jetzt sind wir aber genau an diesem Tipping Point, dass auf der einen Seite die Prozessoren so stark sind und die Speicher so groß und schnell und die Algorithmen so viel besser geworden sind, dass es jetzt in Richtung menschliche Intelligenz geht. Es geht in die Richtung, aber wir sind noch nicht da. Und deswegen glaube ich auch nicht, dass KI ein Hype ist, sondern dass Künstliche Intelligenz, sehr viel Substanz hat und das Thema in den nächsten Jahren spannend wird.

Sie waren in Ihrem Berufsleben nicht nur erfolgreich. Mit 20 Jahren sind Sie in die Pleite gerutscht, hatten hohe Schulden. Was hat das mit Ihnen gemacht?
THELEN: Das war ehrlicherweise sehr, sehr schlimm. Ich war relativ jung und habe einfach blind Tag und Nacht gearbeitet. Mir war nicht klar, dass Dinge so schief gehen können. Vor allem aber wollte ich meine Eltern stolz machen. Sie haben in mich investiert, mich zur Schule gefahren, mich ausgebildet. Und dann musste ich Ihnen aber sagen: Tut mir leid, ich habe Haus und Hof verloren. Das war keine schöne Zeit.

Wie sind Sie aus dem Loch herausgekommen?
THELEN: Mein Vater hat mich rausgeholt und ich habe wieder angefangen zu programmieren, habe neue Produkte entwickelt und daraus einen Weltmarktführer aufgebaut. Alles ohne externe Investoren, von Monat zu Monat überlebt und dann schrittweise auf über 100 Millionen User der Software aufgebaut. Und dann nach Japan an Fujifilm erfolgreich verkauft.

Ist man nach einem Flop im Business vorsich-tiger oder lässt man sich davon nicht beeinflussen?
THELEN: Nach meiner ersten wirklich großen Niederlage, als wir mit der AG an die Börse gehen wollten und wir insolvent gegangen sind, war das wirklich schwierig, weil ich auch privat gehaftet habe. Ich konnte gar nicht absehen, ob ich wieder etwas Neues aufbauen kann. Aber ich glaube, man muss so etwas lernen –, dass man nach einem tiefen Fall wieder aufstehen kann.

In Ihrer Biografie erzählen Sie, dass Sie in der Jugend viel Skateboard gefahren sind. Bis man das beherrscht, muss man nach vielen Stürzen immer wieder hochkommen und weitermachen. Hat Sie dieser Lerneffekt geprägt?
THELEN: Ich glaube ja. Skateboard fahren ist eine der Sportarten, bei der man, ohne sich in gewissem Maße zu verletzen, nicht vorankommt. Das ist de facto so. Wenn man einen komplizierten Skateboard-Trick lernen will, wird man irgendwann mal ein blaues Schienbein haben. Und das hat mir gezeigt, dass man einen gewissen Schmerz hinnehmen muss, um an sein Ziel zu kommen.

Heute sind Sie ein erfolgreicher Investor und unterstützen mit „Freigeist Capital“ deutsche, europäische sowie internationale Tech-Start-ups. Sind IT, Cloud, Block-chain und Robotics für Sie die lukrativsten Investments?
THELEN: Mein Basisvermögen habe ich mit den Unternehmen verdient, die ich selbst im Technologiebereich aufgebaut habe. Mit der To-do-App ,Wunderlist‘ und mit ,myTaxi‘ haben wir gute Returns generiert, aber heutzutage ist es so, dass viele dieser tiefgreifenden Technologie Start-ups noch keine großen Cash-Returns für mich generiert haben, weil sie lange brauchen, um erfolgreich zu sein. Einige sind sehr, sehr wertvoll geworden, aber eben noch nicht verkauft oder an der Börse. Mit den Investments bei DHDL habe ich schneller Geld verdient.

Wie gut sind deutsche Start-ups im Technologiebereich?
THELEN: Wir haben tolle Unternehmen, wie zum Beispiel Robco, die stellen Roboter in München her. Oder UMH, eine Datenplattform für europäische Produktionsbetriebe. Aber ehrlicherweise ist es schwierig, in Deutschland große Technologiekonzerne aufzubauen, und wenn man sich die Zahlen ansieht, sind diese sehr, sehr, sehr niedrig.

Gibt es noch ein Zukunftsprojekt, das Ihnen unter den Fingernägeln brennt?
THELEN: Ja, absolut. Es gibt ein ganz aktuelles Thema. Ich baue gerade das Unternehmen TEQ Capital auf, mit dem wir global in Technologieaktien investieren. Das ist sozusagen wie Schach spielen mit den klügsten und besten Playern der Welt. Wir wollen zeigen, dass wir mit unserem Team und unseren Fonds, einen Mehrwert in den Portfolios der Menschen anbieten können. Das zu zeigen, zu optimieren und in diesem weltweiten Markt unsere Nische zu finden, das ist jeden Tag eine Herausforderung.

FRANK THELEN, 50, geboren in Bonn, studierte Informatik und gründete mit 18 Jahren sein erstes Unternehmen. Mit Anfang 20 hatte er die ersten Millionen verdient. Dann ging sein Unternehmen pleite und er besann sich wieder auf seine Kernkompetenz, das Programmieren. Er entwickelte den Online-Foto-Dienst ip.labs, den er für einen zweistelligen Millionenbetrag an die Fujifilm-Gruppe verkaufte. Heute ist er CEO von Freigeist Capital, einer Risikokapitalgesellschaft, die sich auf Technologie-Investments in Deutschland und Europa konzentriert. Mit der Gründung der Fondboutique TEQ Capital will Thelen zukünftig auch weltweit seine Kompetenz im Technologiebereich nutzen.

Gespräch: Achim Schneider  Fotos: FABIJAN VUKSIC