Bei Verbänden, Lobbys und Vereinigungen scheint es nichts zu geben, was es nicht gibt. Es gibt, oder besser, es gab sogar „Vereinigte Kaninchen“. Aber was sich dahinter verbirgt, wird erst am Ende verraten. Also, durchhalten und festhalten beim Galopp durch das, was uns verbandet.
Starten wir mit der „Kelle“. Diesen Namen gab sich 1512 in Florenz eine Vereinigung ehrsamer Bürger. Sie verkleideten sich auf den Vereinstreffen als Maurer und bauten Fantasiehäuser – als Baustoffe verwendeten sie Makkaroni und Parmesankäse. Dass wir heute noch davon wissen (okay, bis eben wussten Sie vermutlich nichts davon), liegt schlicht daran, dass es sich bei der „Kelle“ um den ersten bekannten Vorläufer der Freimaurerorden handelte.
Stichwort Orden: Was verbirgt sich wohl hinter dem „Orden der heiligen Frau Latte“? Als Hamburger sollten Sie das eigentlich wissen: Es handelt sich um eine Vereinigung der Schiffbaustudenten. Der 1878 in Berlin gegründete Mutterorden heißt ganz schlicht „Schiffbauervereinigung Latte“, die heilige Tochter bzw. Frau kam 1904 in Danzig auf die Welt und fand über eine Zwischenstation in Hannover 1954 eine neue Heimat in Hamburg-Harburg. Seit 1998 ist „Heylige Frawe Latte ad Hammaburg“ sogar ein eingetragener Verein.
Vom Studentenorden ist der Weg nicht weit zu den Berufsund Branchenverbänden. Da gibt es Verbände für Berufe, von denen man gar nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt: Phlebologen zum Beispiel. Sie haben seit 1957 ihren eigenen Verband, eben die „Deutsche Gesellschaft für Phlebologie“, die sich sogar auf einen Vorläufer aus der Kaiserzeit berufen kann: den 1909 gegründeten “Verein der Spezialärzte für Beinleiden”. Denn Phlebologie, hätten Sie’s gewusst?, ist ein Fachgebiet der Medizin, das auf Venenkrankheiten spezialisiert ist.
Und wenn man keinen Verband gründen darf? So ging es beispielsweise in den 1960er Jahren dem aufstrebenden Tourismus-Gewerbe an der Costa del Sol. Sie hätten gerne koordiniert ihre Interessen vertreten, aber im Spanien der Franco-Diktatur waren keine Berufsverbände erlaubt. Also gründeten sie eine eigene „Hermandad“, eine katholische Bruderschaft. Dafür mussten sie jedes Jahr in der Osterwoche eine Prozession in Marbella veranstalten und waren den Rest des Jahres unter sich.
Sogar für Anschläge gab es in Deutschland einen eigenen Verband – wenn auch nur für Plakatanschläge. 1920 hatte der „Verein Deutscher Plakatsanschlaginstitute” reichsweit 215 Mitglieder. Der heute etwas merkwürdig klingende Name geht auf Ernst Litfaß zurück, der 1855 in Berlin das erste deutsche Plakatwerbe-Unternehmen gründete: das „Institut der Anschlag-Säulen”.
Aber Verbände können auch friedlich. So etwa der 1842 in Mainz gegründete „Verein zum Schutze deutscher Einwanderer in Texas”. Er schloss am 9. Mai 1847 einen privaten Friedensvertrag mit dem Stamm der Penateka-Comanchen. Der Vertrag wurde später von den USA als bindend anerkannt und von keiner Seite jemals gebrochen.
Zu verstaubt? Wir können auch anders. Dafür springen wir nach Daejon in Südkorea. Denn dort wurde am 5. Juni 1997 die „Federation of International Robot Soccer Associations“ (FIRA) gegründet. Jedes Jahr veranstaltet sie eine RoboCup-Weltmeisterschaft. 2026 heißt es sogar „Robo-Football’s coming home“: Erstmals findet die WM im FIRA-Gründungsland Südkorea statt (30. Juni bis 6. Juli in Incheon).
Wie gesagt, bei den Verbänden gibt es nichts, was es nicht gibt. Aber „Vereinigte Kaninchen“, sorry, ist kein Verband. Es ist der Name eines – Steinkohlebergwerks. 1855 entstand es in Sprockhövel im südlichen Ruhrgebiet durch die Vereinigung zweier älterer Zechen, von denen eine „Caninchen“ hieß. 1879 war das Vorkommen erschöpft, das Bergwerk wurde geschlossen.
Detlef Gürtler ist Wirtschaftsjournalist und Buchautor. Er lebt in Berlin und im spanischen Marbella.