Kleines Rätsel gefällig? Vor 100 Jahren erblickte eine der bahnbrechendsten Shopping-Innovationen des 20. Jahrhunderts das Licht der Welt. Es hat nur damals kaum jemand in eben dieser Welt diesen Durchbruch zur Kenntnis genommen, nach Deutschland kam die Innovation erst mehr als zwei Jahrzehnte später (dabei war der Weg wirklich nicht weit), und auch jetzt, im Sommer 2025, wurde das 100. Jubiläum nur in jenem Land gefeiert, in dem damals eine Person den Durchbruch bewerkstelligte. Wovon ist die Rede? Die Auflösung finden Sie ganz unten, dazwischen nur falsche Antworten.

Eine davon kommt aus Japans Hauptstadt Tokio. Da gab es nämlich vor ziemlich genau einem Jahrhundert eine unglaublich bahnbrechende Aktion: Die Leitung des Kaufhauses Matsuzakaya entschied, dass die Kunden beim Einkaufen – ihre Schuhe anbehalten durften. Unfassbar für viele Japaner, ein krasser Verstoß gegen die guten Sitten, aber ein großer Schritt in die Moderne. Außerhalb Japans allerdings hat dieser Durchbruch die Shopping-Welt kein bisschen verändert; also nicht des Rätsels Lösung.

Was ist mit High-Tech? Da ist natürlich viel passiert in den letzten 100 Jahren, mit Computern und Scannern und Internet und AI und und. Aber doch eher in der zweiten Hälfte dieser 100 Jahre. Als eine Art Startschuss für die Technologierevolution im Handel kann man wohl den 26.Juni 1974 betrachten: Da wurde erstmals ein Produkt mit Strichcode verkauft – ein Zehnerpack von Wrigley’s-Kaugummis der Sorte Juicy Fruit in einem Supermarkt im US-Bundesstaat Ohio.

Dann ist vielleicht der Supermarkt selbst die hier gesuchte Innovation? Immerhin handelt es sich dabei um eine das Shopping weltweit prägende Institution, die
musste ja auch irgendwann mal irgendjemand erfunden haben. In der Tat, da kommen wir der Sache schon näher. Allerdings gab es in den USA erste Vorläufer der heutigen Supermärkte (vor allem von A&P sowie Safeway betrieben) schon in den 1910er Jahren. Aber so ganz super waren die noch nicht – sie warben um ihre Kunden nicht so sehr mit günstigen Preisen, als vielmehr mit gratis Parkplätzen.

Das US-amerikanische „Food Marketing Institute“ entschied deshalb: Der erste „echte“ Supermarkt in den USA wurde am 4. August 1930 von Michael Cullen im New Yorker Stadtteil Queens eröffnet. Was aus seinem Laden einen Supermarkt machte, war das Discount-Prinzip: wenige Produkte, große Mengen, kleine Preise. Bahnbrechend in der Tat.

Aber eben erst fünf Jahre NACH der Erfindung jenes Discount-Prinzips. Denn wer hat’s erfunden? Die Schweiz. Besser gesagt: die Schweizer. Noch besser gesagt: ein Unternehmer namens Gottlieb Duttweiler. Der ließ nämlich am 25. August 1925 erstmals die Verkaufswagen seiner Gründung „Migros“ durch Zürich fahren. Im Sortiment waren nur sieben Produkte, aber die dafür zu konkurrenzlos günstigen Preisen. Auch als die Migros bald danach vom Wagen auf den Laden umstieg, blieb das Prinzip das Gleiche – und bis heute ein zentrales Element vieler erfolgreicher Einzelhandels-Konzepte, von Primark bis Aldi.

Letztere Unternehmensgruppe wird (völlig zurecht) in Deutschland als Pionier des Discount-Prinzips angesehen. Direkt nach der Währungsreform von 1948 transformierten die Brüder Karl und Theo Albrecht den väterlichen Lebensmittelladen mit kleinem Sortiment und ebenfalls kleinen Preisen in die Keimzelle eines (oder besser: zweier) Discount-Giganten. Echte Pioniere also, auch wenn sie erst 23 Jahre nach dem Vorbild aus der benachbarten Schweiz an den Start gingen. So rasend der Fortschritt meistens auch ist – manchmal kommt er denn doch sehr, sehr gemütlich daher.

Detlef Gürtler ist Wirtschaftsjournalist und Buchautor. Er lebt in Berlin und im spanischen Marbella.

ILLUSTRATION: RAPHAELA SCHRÖDER