JAN-PETER PETERSEN ist offen für Neues. Deshalb durfte ihm Chefkoch Nils-Kim Porru in seiner Asia-Bowl sogar ungeliebtes Gemüse „unterjubeln“. Der Chef von Alma Hoppes Lustspielhaus nahm es mit Humor – wie auch sonst?
Kochen im gleißenden Scheinwerferlicht einer Theaterbühne. Sogar für Nils-Kim Porru etwas Neues. Michel, Stadion, Alsterdampfer – der Chefkoch des Business Club Hamburg hat schon an einigen Orten seine Kreativität bewiesen. An diesem Tag steht er also auf der Bühne von Alma Hoppes Lustspielhaus und derjenige, der trotz Meniskusverletzung erstaunlich behände die steile Treppe zu ihm hinaufkommt, ist Jan-Peter Petersen. Dass dieser den Weg auf die Bühne auch im Schlaf finden würde, verwundert nicht wirklich: seit 32 Jahren ist der Kabarettist Hausherr im bekannten Eppendorfer Privattheater. „Ich bin hier auch schon einmal von der Bühne gefallen“, erzählt der 67-Jährige gut gelaunt. „Bei einer Zugabe mit Langhaarperücke, die ich verkehrt herum trug: Praktisch blind, ein Schritt zu weit nach vorn, einen Meter runter, mit E-Gitarre stehend angekommen, Arme hochreißen – statt Notruf Applaus.“
Neugierig schaut der Theatermacher auf das, was der Koch auf seiner Bühne aufgebaut hat. Neben allerlei frischen bunten Zutaten steht sogar eine Kochplatte mit Frittierfett gefülltem Topf. „Eine kleine Asia-Bowl mit Gebäck soll es werden“, sagt Porru. Und obwohl der Gast angemeldet hatte, keinen Kohl zu mögen, kann es der Koch nicht lassen: in einer Schale wartet der unbeliebte Kreuzblütler – nach der Art von Kimchi zubereitet, immerhin. Erst einmal hilft Petersen jedoch dabei, Bälle aus „Koshihikari“-Reis als Basis für die Bowl zu formen. „Bei vier Kindern habe ich viel zu Hause gekocht. Und mir angewöhnt, nur Gerichte zuzubereiten, die die Jungs mögen.“ Lediglich der jüngste Sohn lebe noch zu Hause. Der Älteste, 33, war der Grund, warum der Vater selbst dann beständig zwischen Hamburg und München pendelte, als er und Partner Nils Loenicker pro Jahr bis zu 150 Auftritte ablieferten. In dem Rotklinkerbau, einst Gemeindehaus der St. Johanniskirche gegenüber, der nach dem legendären Duo benannt ist: Alma Hoppe.
Unglaubliche Programme haben Petersen und Loenicker im Laufe ihrer gemeinsamen Karriere seit 1984 präsentiert. Eine verlässlich ausgefeilte Mischung aus anspruchsvoller politischer Satire und spaßigen Elementen, vorgetragen von einem kongenialen Paar: „Ich war der wortgewaltige Typ, Nils der filigrane, sehr komische Darsteller“, beschreibt Petersen die Rollenteilung und das Erfolgsrezept, das ab 1994 jährlich bis zu 70 000 Menschen an die Holztische des Lustspielhauses lockte. Nicht selten traf man die beiden Darsteller nach der Vorstellung noch an der Bar. „In den ersten Jahren haben wir sogar selbst an der Tür die Karten abgerissen“, sagt Petersen, der seit drei Jahren ohne den langjährigen Partner auskommt. „Nils hatte immer schon angekündigt, mit Anfang 60 aufhören zu wollen.“ Er erinnere sich gut an die letzte gemeinsame Vorstellung, einmal mehr unter der Regie desnicht minder legendären Henning Venske. An die Standing Ovations und die Wertschätzung, die mit dem Schlussapplaus entgegenbrandete. Und doch: Man hört keine Bitterkeit in Petersens Stimme, wenn er vom Ende der Marke Alma Hoppe spricht.
Sein heutiger Sparringspartner hat das marinierte, in mundgerechte Stücke geschnittene und mit Sesam garnierte Huhn mittlerweile frittiert und auf den Reis gebettet. Petersen unterstützt ihn beim Auffüllen des „Salats“ aus geröstetem Spargel, Edamame, Gurke, Mango, etwas Avocado, dann noch ein wenig Chili-Öl dazu. Der Fotograf bittet um ein Lächeln und der Lustspiel-Chef, Koriander als Requisit zwischen den Fingern, offeriert ein veritables Bühnenlachen. Berufskrankheit nach so vielen Jahren Theaterzauber, den ein treues Stammpublikum verfolgt hat.
„Was die Besucherzahlen angeht, haben wir wieder ungefähr das Niveau von vor Corona erreicht“, sagt Petersen. Ein wenig länger als erhofft habe diese Erholungsphase gedauert. „Anscheinend hatten sich die Menschen darauf eingestellt, nicht mehr so viel auszugehen.“ Als erfolgreiches Privattheater habe man lange um Subventionen kämpfen müssen. Unterstützung von der Stadt bekommt Alma Hoppe erst seit 2017. „Ich würde das eher einen ,politischen Betrag‘ nennen, aber trotzdem sind wir sehr dankbar für diesen Zuschuss.“
Während das Duo Alma Hoppe früher die Hälfte der Spielzeit mit durchschnittlich drei neuen Programmen innerhalb von zwei Jahren absolviert habe, müsse das Programm nun vielfältiger gestaltet werden. Gastauftritte von Heinz Strunk, Florian Schroeder, Max Uthoff, Vince Ebert und mehr stehen auf dem Spielplan. Oft alte Bekannte, die die familiäre Atmosphäre des Lustspielhauses lieben. „Wir haben uns im Laufe der Jahre auch für Comedians geöffnet. Aber wir nehmen nicht jeden.“ Das Fernsehen habe einiges verändert, was das Niveau angehe. „Aber nur Anekdoten und Witze erzählen und irgendein Wiedererkennungsmerkmal ausstellen reicht uns nicht.“ Ohne wirkliche Geschichte dahinter bliebe alles an der Oberfläche. Dass Tausende damit zufrieden sind und manche dieser TV-Helden ganze Stadien füllen, treibt Petersen nicht um. Er bleibt sich selbst treu – was sich auch daran zeigt, dass er sich trotz Zweitwohnung in München nie sein Missingsch abgewöhnt hat.
Tatsächlich sei er gerade dabei, die eigene Marktlücke zu definieren. „Ich muss nicht komödiantischer sein als ein Comedian.“ Lieber bleibt er klassisch, auch beim aktuellen Programm „Streng gemein“, das im Frühjahr Premiere feierte – Lampenfieber inklusive selbst nach mehr als 40 Jahren. „Das, was ich zeige, ist politisches Kabarett, das darf gern blitzgescheit sein, wenn es auch lustig ist. Es geht nicht darum, Gags oder Pointen zu produzieren.“ Als „alter Linker“ liege ihm die Politik mehr denn je am Herzen. Gleichzeitig wisse er aber auch, dass er nicht da sei, um Statements zu verkünden. Lieber zum Nachdenken anregen.
Danach läßt sich der Gastgeber zum Essen an einem der Bistro-Tische im Zuschauerraum nieder. Und obwohl bekennender „Sabbelmors“ ist er für einen Moment still, genießt die Kulinarik mitsamt Reiscrackern, bevor er sogar den angezweifelten Kimchi-Kohl lobt. „Das blinde Korn findet auch mal ein Huhn“, sagt der Koch. Und fragt: „Macht es dir noch Spaß, auf der Bühne zu stehen?“ Petersen muss nicht überlegen. Zeitgleich mit Loenicker aufzuhören gehörte nie zu seinem Plan. Er habe jedoch erwartet, dass sich als Solokünstler die Schlagzahl der produzierten Programme verringern würde. Tatsächlich hat er seither sieben neue Programme auf die Beine gestellt. Sorge, dass es dem Publikum mal nicht gefallen könnte? „Es mag sein, dass man mal eine Nummer in der Wirkung falsch einschätzt, aber grundsätzlich wissen wir genau, was unserem Publikum gefällt.“
Zum Team ist vor drei Jahren auch sein ältester Sohn Max Beier gestoßen, teilweise hinter der Bühne großgeworden und ausgebildeter Schauspieler. „Zusammen mit Max und Katie Freudenschuss haben wir 2024 zum ersten Mal ,Alma Hoppe 3.0‘ als neues Ensemble präsentiert. Das kam sehr gut an.“ Bei seinem Sohn und ihm passten die Mentalitäten einfach gut zusammen, wie damals zu Duo-Zeiten. „Retrospektiv hätte ich auch gern eine Schauspielausbildung absolviert, das wäre sicher von Nutzen gewesen“, sagt Petersen. Aber hadern passt nicht zu ihm. Die nicht beendeten Jura-, Germanistik-, Volkswirtschaftsund Journalistik-Studien sowie die abgeschlossene Ausbildung zum Elektriker hätten wahrscheinlich zu seiner „Art des Denkens“ beigetragen.
Bald wird er wieder auf der Bühne stehen, die seine Welt bedeutet. Und wahrscheinlich, wird er dann auf einigen der 350 Plätze bekannte Gesichter entdecken. Der Name des neuen Programms, das im Oktober an den Start gehen soll, steht noch nicht fest. Aber man wird etwas Passendes finden, so wie all die 72 Male davor. Nils-Kim Porru verspricht nach dem Abbau der improvisierten Garküche, irgendwann als Gast wiederzukommen. „Gern. Kannst auch ohne Topf kommen.“ Die letzte Pointe gehört dem Hausherrn. Natürlich.
Text: Alexandra Maschewski Fotos: Fabijan Vukcic