Regelmäßiges Schachspielen wirkt sich auf Kinder in vielerlei Hinsicht positiv aus. Die Initiative BROTZEIT, die auch der Business Club Hamburg unterstützt, bietet mit Hilfe ehrenamtlicher Übungsleiter an sechs Hamburger Schulen Schach-AGs an.

„Da ist ja Herr Giese“, tönt es fröhlich aus dem Klassenraum 4a der Grundschule An der Glinder Au. Als Holger Giese, 68 Jahre alt und Rentner, durch die Tür tritt, wuseln neun Kinder umher. Drei Mädchen und sechs Jungen laufen durch den Raum, plappern, lachen, zwei von ihnen tauschen Fußball-WM-Sticker aus. „Guck mal, wie viele ich habe“, ruft Tyrese und hält stolz seinen Stapel Sticker in die Luft. Dann steckt er die Bildchen von Lieblingskicker Boateng und Co. in die Tasche, klappt in Windeseile ein kariertes Spielbrett auf und legt es auf den Tisch. Holger Giese ist nicht gekommen, um Fußball zu trainieren, sondern Schach.
Es ist ein sonniger Mittwoch im Mai. Mittagspausenzeit an der Ganztagsschule in Billstedt/Kirchsteinbek. Jede Woche findet hier um diese Zeit die Schach-AG statt. Zwei Kurse gibt es: einen für Zweit- und einen für Viertklässler. „Bin ich weiß, Herr Giese?“, fragt Emirhan. Dann platziert er Bauern‚ Türme, Springer und Läufer zielsicher um das Königspaar herum auf ihre Plätze.


Die Schach-AG ist Teil des Projekts „Kinder fördern durch Schach“, das von Schauspielerin Uschi Glas und ihrer Initiative „brotZeit“ ins Leben gerufen wurde. Hauptanliegen von „brotZeit“ ist es, sozial benachteiligten Schülern ein kostenloses Frühstück anzubieten. An 30 Hamburger Schulen gibt es das Angebot bereits. Die Schule An der Glinder Au ist eine von sechs Schulen in der Hansestadt, an der zusätzlich das Schachprojekt durchgeführt wird. Die Business Club-Initiative „Unternehmer für Hamburg“ finanziert über Patenschaften der Christoph Metzelder Stiftung die Arbeit von „brotZeit“ in Hamburg mit. Seit drei Jahren gibt es die Schach-AGs, die vom Hamburger Schachklub 1830 e.V. organisiert werden. Der Klub stellt das Material, dokumentiert die Arbeit und schult die Übungsleiter. Die Senioren sind in der Regel selbst Hobbyspieler und geben ehrenamtlich ihr Wissen an die Kinder weiter. So auch Holger Giese. Er ging 2015 in den Ruhestand und suchte nach einer neuen Betätigung. Auf einer Veranstaltung von „brot- Zeit“ hörte er von dem Schachprojekt und war gleich begeistert. „Es ist eine sehr dankbare Aufgabe, mit den Kindern zu arbeiten“, sagt er mit einem Strahlen im Gesicht. Der 68-Jährige ist seit frühester Jugend passionierter Schachspieler und freut sich, „dass ich meine Zeit als Rentner auf diese Weise mit Schach verbringen kann“.
Die Grundschule An der Glinder Au ist eine der sogenannten Brennpunktschulen, an die sich „brotZeit“ mit ihrem Frühstücksangebot sowie dem Schachprojekt richtet. Der Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund liegt hier bei 80 Prozent. „Um die 75 Prozent der Familien beziehen Sozialleistungen“, erzählt die stellvertretende Schulleiterin Heike Claußen. Es ginge an ihrer Schule viel auch um „soziales Lernen“, sagt sie. Die Schach-AGs dienten dazu, „Begabung sichtbar zu machen“, aber auch, Strukturen zu schaffen, die viele Kinder von zu Hause nicht kennen. „Schach ist dabei ein kleiner Baustein“, sagt Claußen. Ein Baustein mit großer Wirkung.
unternehmer_t3Denn die positiven Auswirkungen von Schach auf Schulkinder sind enorm und durch wissenschaftliche Studien belegt. „Das geht hinein in den emotionalen, sozialen und kognitiven Bereich“, schwärmt Esther Marquardt, Projektkoordinatorin von „brot- Zeit“ in Hamburg. Schach soll das logische Denken und das Vorstellungsvermögen verbessern sowie die Selbstständigkeit und die Ausbildung einer Frustrationstoleranz fördern. „Schüler entwickeln beim königlichen Spiel grundlegende Denk- und Problemlösungsstrategien, die nicht nur im Unterricht, sondern auch im täglichen Leben von Bedeutung sind“, heißt es auf der Website der brotZeit-Initiative. Heike Claußen legt an ihrer Schule außerdem Wert darauf, dass die Schüler eine Ernsthaftigkeit entwickeln. „Wer mitmachen möchte, muss auch regelmäßig teilnehmen“, sagt sie.
Eine positive Veränderung seiner Schach-Schützlinge erlebte auch Holger Giese in seinem Kurs. „Zu Anfang war es extrem laut“, erzählt er. „Die Schüler konnten sich teilweise kaum drei Minuten lang konzentrieren.“ Das hat sich geändert. „Jetzt ist Ruhe eingekehrt“, sagt der Rentner.
unternehmer_t1Auch an diesem Mittwoch sitzen die Kinder erstaunlich still und konzentriert an ihren Schachbrettern. Einige spielen richtige Partien, andere üben noch die Grundzüge. Die beiden Mädchen Havin und Lina waren bisher nicht so oft bei der AG dabei, hatten den Kurs häufig „vergessen“. Holger Giese versucht nun, den Einsteigerinnen beizubringen, wie die Spielfiguren heißen und wie sie ziehen können. „Ich nehme den Hüpfer“, sagt Havin und schnappt sich die kleine Pferdefigur. „Der heißt Springer“, belehrt sie Giese und macht dann den Spielzug vor: „Der Springer kann in einem L gehen, siehst du?“ Havin zieht die Figur quer über das Schachbrett. „Nein, nicht so weit“, ruft Giese, „in einem kleineren L.“ Havin versucht es noch einmal. Jetzt macht sie es richtig. Da kommt eine Frage vom Nebentisch: „Kann ich den hier rausschmeißen, Herr Giese?“, möchte Serhat wissen und zeigt auf sein Brett. „Das heißt: Kann ich den schlagen!“, verbessert der Rentner. „Und, ja, den kanst du schlagen.“
Es ist ein herzliches Verhältnis, das Holger Giese zu den Schülern hat. Viel Zeit und Herzblut steckt der 68-Jährige in seine Aufgabe und ist sich sicher, dass manch einer seiner Schützlinge auch später dem Schachspiel treu bleiben wird. Einige hätten sogar schon eine eigene Taktik entwickelt, erzählt er stolz. Viertklässler Harun zum Beispiel, nach eigener Aussage „der Beste im Kurs“. Er mag am Schach vor allem, „dass es ruhig ist, dass man sich konzentrieren muss und dass man gewinnt“.
Holger Giese hat für die Viertklässler ein Abschlussturnier organisiert. „Wenn es um etwas geht, dann klappt es mit dem Konzentrieren erstaunlicherweise noch besser“, sagt er und schmunzelt. Ist es kein Turnier, motiviert er seine Schüler auch mal mit anderen Leckerbissen, wie Eis oder Bonbons. „Ich habe gewonnen“, ruft plötzlich Tyrese und führt vor Freude ein kleines Tänzchen auf. „Ihr habt noch ein Rückspiel“, sagt Holger Giese und notiert das Ergebnis in einem Heftchen. Für den späteren Turniersieger hat der Senior etwas Besonders besorgt. Das will er den Schülern an diesem Tag aber noch nicht verraten. Die haben eh ihre ganz eigene Vorstellung: Zehn Packungen Fußball-WM-Sticker wünschen sie sich als Siegprämie.

SO KÖNNEN SIE HELFENunternehmert1
Das Schachprojekt der brotZeit- Initiative sucht einen neuen Förderer, um den Schülern auch in Zukunft die Teilnahme an den Schach-AGs ermöglichen zu können. Interessenten melden sich bitte bei Marie Renoth unter E-Mail: renoth@brotzeitfuerkinder.com oder Telefon 089 1 25 09 35 60. Außerdem stehen weiterhin für Ihre Patenschaft Commitment Cards zum Download bereit unter der Internetadresse http://www.bch.de/club/brotzeit. Spenden für das Projekt bitte auf das Konto der Christoph Metzelder Stiftung bei der Sparkasse Essen (IBAN: DE49 3605 0105 0000 4754 75) mit dem Verwendungszweck „brotZeit – Unternehmer für Hamburg“.

 

 

Text: Nina Schwarz Fotos: Martina van Kann