Eine Reise auf der MS EUROPA 2 über den Atlantik nach Amerika. Unser Reporterteam reiste von Lissabon nach New York und schaute hinter die Kulissen des Fünf-Sterne-Plus Kreuzfahrtschiffes.

Alles Klarschiff oben auf der Brücke. Dass Kapitän Ulf Wolter um 12.34 Uhr Ortszeit spontan zum Mikrofon greift, hat einen tierisch guten Grund. „Ein Delfinschwarm backbords“, hallt es aus den Bordlautsprechern. Hunderte dieser schwimmenden Säugetiere begleiten die EUROPA 2 ein kleines Stück. Lustvoll hüpfen sie aus dem Wasser. Immer wieder. Es ist ein Bild für Meeresgötter und eine Abwechslung auf der Passage von Lissabon nach New York.
Von der Brücke auf Deck 10 genießt Kapitän Wolter den überragenden Blick. Steuerbords in der Kommandozentrale stehen ein Flaggenständer der Kap Hoorniers Blankenese und ein hölzerner Angelhaken aus Nuku’alofa, der Hauptstadt des Königsreichs Tonga in Ozeanien. Erinnerungsstücke. Mit 14 Knoten nimmt die Kreuzfahrtkönigin Kurs Richtung Bermuda. Trotz stürmischer Winde und gut drei Meter hoher Wellen liegt die MS Europa 2 relativ ruhig im Atlantik – den beiden Flossenstabilisatoren und ökonomischer Fahrweise sei Dank.
Auch wenn der 225 Meter lange und gut 26 Meter breite Ozeanriese auf einer Werft in Saint-Nazaire in Frankreich gebaut wurde, handelt es sich um eine „Hamborger Deern“. Weil Hapag-Lloyd Cruises in der Hansestadt ansässig ist und weil die EUROPA 2 im Mai 2013 während des 824. Hafengeburtstags in Hamburg getauft wurde. Trotz seiner Jugend wurde das Schiff während eines zweiwöchigen Werftaufenthalts bei Blohm + Voss im September dieses Jahres weiter aufgewertet. Es gibt veränderte Salons, eine umfangreichere Bibliothek und einen noch besseren Spa-Bereich inklusive Außenterrasse. Der renommierte Berlitz Cruise Guide 2018 verlieh dem Luxusschiff jüngst das Testat „Fünf-Sterne-Plus“. Mehr geht nicht. Damit verteidigte die EUROPA 2 zum vierten Mal ihre Spitzenposition als weltbestes Kreuzfahrtschiff seiner Kategorie.
Was das bedeutet und was konkret den Unterschied macht, erfahren die Passagiere sehr persönlich. „Ich werde an Bord wie ein kleiner König behandelt. Tag für Tag“, sagt ein Mitreisender aus Würzburg. Nicht nur er schätzt die stilvolle, luxuriöse, dennoch legere Note. Eine offizielle Kleiderordnung mit Krawattenzwang war gestern. Statt eines Captain’s Dinners steht eine zwanglose Poolparty auf dem Programm. Locker präsentiert Kapitän Ulf Wolter unter einem gläsernen High-Tech-Schiebedach Führungskräfte seiner Crew. Mehr als 370 Besatzungsmitglieder kümmern sich um maximal 500 Passagiere.


Übersetzt heißt das: Der individuelle Charme hebt sich wohltuend ab vom Massenbetrieb andernorts. Wer mag, tritt unkompliziert in Kontakt zu anderen Gästen. Wer Ruhe favorisiert, kommt gleichfalls auf seine Kosten – in einem der Salons, im Café Belvedere mit High Tea, an der Reling, auf einem der Sonnendecks mit Whirlpools. Bordsprache ist Deutsch, aber natürlich kommt man auch mit Englisch weiter. 251 Kabinen, alle mit Veranda und absolut zu Recht Suiten genannt, sind mit mindestens 28 Quadratmetern geräumig.
Auch an Details wurde gedacht. Eine moderne Kaffeemaschine, kostenlose Softdrinks aus der zweimal täglich aufgefüllten Minibar, viel Platz in den Schränken, exzellente Betten, immer frisches Obst oder ein großer Fernsehmonitor sind Beispiele gehobenen Komforts. Morgens steckt eine aktuelle (!) Tageszeitung im Postkasten vor der Kabinentür. Ein sechsseitiges Bordprogramm informiert über die Highlights des Tages. Von Aquagymnastik über Shuffl eboard, einen Golfsimulator oder Kochkurse bis Yoga geht praktisch alles. Eine Auflistung sämtlicher Pluspunkte würde den Rahmen dieser Reportage sprengen. Nur so viel aus persönlicher, unabhängiger Sicht: Es stimmt alles – auch hinter den Kulissen.
Auf zum Kaffeetrinken mit Hotelmanager Oliver Schulz. Der gebürtige Münchener, ein elanvoller Mensch mit gewinnendem Wesen, wartet in der Collins-Bar. 45 Sorten Gin und hochwertige Rauchwaren stehen für Genießer bereit. An der Wand hängt ein großformatiges Portrait des Hamburger Reeders Albert Ballin. Das passt ins Bild: Als Generaldirektor formte er einst die Hapag zur größten Schifffahrtslinie der Welt.
Quasi unter Ballins Augen skizziert Oliver Schulz seine Mission. Der 39-Jährige verantwortet den gesamten Hotelbetrieb an Bord. Er ist Boss von 270 Mitarbeitern, zudem Service- Master, Diplomat und Cheforganisator in Personalunion. Am Tegernsee lernte er Hotelfachmann; nächste Station war die Bar des Hotels Atlantic in Hamburg. Seit 2002 arbeitet er auf hoher See. „Herausforderung, Abwechslung und Spannung sind enorm“, sagt er. „Ich wache fast jeden Tag in einem anderen Land auf.“
Nach einer Stunde ruft ihn die Arbeit. Man sieht sich. Trotz der Größe und elf Decks ist die EUROPA 2 als Kreuzfahrtschiff der kleinen Wege angenehm überschaubar. Das betrifft gleichfalls die sieben Restaurants und sechs Bars/Lounges. Gourmets haben die Qual der Wahl. Plätze in den Spezialitätenrestaurants mit asiatischer, französischer und italienischer Spitzenküche müssen mittags nicht reserviert werden. Im Yachtclub mit Buffet und Außenterrasse sowie im Restaurant Weltmeere ist auch abends keine Anmeldung nötig. Gespräche mit anderen Passagieren während der 13-tägigen Kreuzfahrt bestätigen den privaten Eindruck: selten so vortrefflich gespeist. Höchste Qualität, Vielfalt und ein legeres Ambiente gedeihen in Harmonie.


Die Tour hat ihren Preis, keine Frage, doch erscheint er angemessen. Das gesamte Speisenangebot und viele Getränke sind inklusive. Wer möchte, kann diesen kostenlosen Service rund um die Uhr nutzen – auch in der Suite. Und wer einmal nicht Kaviar, Hummer, Königskrabbenscheren oder Kalbsfilet mag, bestellt in der Sansibar eine Currywurst. Bei Livemusik und bis in die Puppen.
Um es kurz zu machen: Nigiri, Maki, Sashimi und weitere Köstlichkeiten im Sushi-Restaurant Sakura sind klasse. In einer offenen Küche werden sie frisch zubereitet. Servicekraft Kornelia Sal, eine gebürtige Ungarin mit Bachelor als Hotelmanagerin, hat alles im Griff: formvollendet, diskret, stets mit einem Lächeln garniert.
Apropos: Als Autor sollte man sich zurückhalten. Doch passt an dieser Stelle die persönliche Erfahrung: Luxus und Komfort kann man sich kaufen, Herz und natürlichen Charme keinesfalls. Durch die Bank erwies sich die Crew als herzlich, fröhlich, hilfsbereit. Solche Tugenden sind nicht zu befehlen. Vielmehr sind sie Zeugnis eines speziellen Geistes, der dieses Schiff beseelt und angenehm belebt. Chapeau. Die Mitarbeiter freuen sich in der Freizeit über Zweierkabinen, ein eigenes Sonnendeck, Clubräume, Fitness, einen Pub und Internet. Das motiviert. Viele der zumeist jungen Mitarbeiter sind im Schichtdienst an allen möglichen Bereichen des Schiffs aktiv. Schön, wenn man sich alsbald kennt, gegenseitig wertschätzt und beim Namen nennt.
Weitere Beispiele wahrhaftiger Gastfreundschaft? Nur zu gerne. Die gebürtige Wilhelmshavenerin Cornelia Fest, Managerin für Guest Relations, Schiffsarzt Dr. Jobst von Fallois, Ingrid Seliga als Managerin des Ocean Spa oder Chef de Cuisine Tillman Fischer stehen für Passagierbetreuung vom Feinsten. Im französischen Toprestaurant Tarragon wirkt Tobias Wichers gekonnt als Chef de Rang. Der 26-Jährige stammt aus Wedel in Holstein und lernte im Hamburger Hotel Louis C. Jacob. Anfang Juni dieses Jahres ging er in Piräus an und am 16. November in Curaçao von Bord. Es ist ein arbeitsreiches, herrlich abwechslungsreiches Leben.
Genau dieses, also einen Einsatz weit entfernt vom Alltag, schätzt Miriam Geist. Ihren 24. Geburtstag am 20. Dezember 2017 wird die Hotelfachfrau auf hoher See erleben – weitab ihres Wohnorts in Bad Oldesloe bei Hamburg. Was sie während ihrer Ausbildung im Hotel Vier Jahreszeiten am Neuen Jungfernstieg im Herzen der Hansestadt lernte, setzt sie nun auf Deck 4 des Kreuzfahrtschiffes fort. An der Rezeption beweist sie ihr feines Händchen im Umgang mit einem nicht immer nur unkomplizierten Publikum.
Die Teestunde mit Frau Geist vergeht wie im Fluge. Dabei fällt erneut auf, wie wenig Lärm die Kreuzfahrtkönigin trotz einer Spitzengeschwindigkeit von 21,3 Knoten produziert. Diese Erkenntnis setzt sich beim Besuch in den Maschinenräumen fort. Chefingenieur Hagen Franke zeigt, welche Kraft im Bauch der Europa 2 steckt. „Der Umweltschutz wird groß geschrieben“, sagt er. Der SCR-Katalysator ist eine Premiere in der internationalen Kreuzschifffahrt. Er soll 75 Prozent des Schwefels unschädlich machen und den Stickoxidausstoß um 95 Prozent reduzieren.


Doch birgt dieses Schiff weit mehr Überraschungen. Beispielsweise eine intelligent angeordnete Küchenwelt. Der längste Gang, intern „Highway“ getauft, heißt offiziell „Elbchaussee“. Entsprechende Schilder weisen den Weg. Was nicht nur Ulf Wolter erfreut. In Krautsand im Landkreis Stade geboren, ist der kernige Norddeutsche in vierter Generation Kapitän. Die MS Europa 2 navigiert der 51-Jährige seit Sommer 2013 durch die Weltmeere. Privat wohnt Kapitän Wolter direkt am Elbufer, übrigens nur wenige Fußminuten von der Villa des Business Clubs Hamburg entfernt.
Doch zurück hinter die Kulissen. Auf einer Rolltreppe fahren Mitarbeiter mit dem Essen nach oben. „Moin!“, sagt Thomas Petrus, der Manager für Food and Beverage. Er überreicht eine Liste mit durchschnittlichen Lademengen. 5000 Kilogramm Fisch und Meeresfrüchte, das doppelte Gewicht an Fleisch und Wurst, 16 000 Kilo Obst und Gemüse, 16 000 Eier, 29 000 Flaschen Wasser und 2800 Flaschen Champagner garantieren eine hervorragende Versorgung.
Am Tag darauf führt die Hausdame durch ihr Reich. Dazu gehören eine Floristik sowie eine Wäscherei mit Bügelservice. Es handelt sich um eine eigene Welt. Dies betrifft auch das Programm: Im modern und gemütlich eingerichteten Theater am Bug wird ein illustres, abwechslungsreiches Unterhaltungsprogramm offeriert. Mit einem Cocktail auf dem Beistelltischchen ist das Leben dein Freund.
Zu schnell naht der Ausklang einer erlebnisreichen Seereise. Vorbei an Freiheitsstatue und den Wolkenkratzern der Wall Street dirigiert Kapitän Ulf Wolter sein ganz besonderes Schiff Richtung Pier 90. Manhattan ahoi. Auf Wiedersehen, liebe MS EUROPA 2. Ja, wir sind Freunde geworden.

 

Text: Jens Meyer-Odewald Fotos: Peter Godry